Wild wie Rock’n’Roll Auszug

Corbin

 

TUCKER: Wo in aller Welt steckt bloß Corbin Ross?

Ich las Tuckers Text, schmunzelte und antwortete ihm.

CORBIN: Heute: Austin. Morgen: Wer weiß?

TUCKER: Und? Schon eine Inspiration gefunden?

Ich zögerte, da ich die Wahrheit nicht eingestehen wollte.

Tucker Benning war der Drummer von Point Break und einer meiner besten Freunde. Er wusste, wie rastlos ich mich in letzter Zeit gefühlt hatte. Wie, trotz der Tatsache, dass die Kritiker und die Fans uns liebten und die Mädchen sich uns täglich an den Hals warfen, dieser Rausch, den ich empfunden hatte, als ich mit dem Bass-Spielen anfing, diese Art, wie die Musik in meinen Adern sang, wenn ich die starken Saiten anschlug, sich schon vor einer ganzen Weile verabschiedet hatte.

Ich musste meinen Groove wiederfinden – wo auch immer, wie auch immer. Genau aus dem Grund hatte, als wir nach unserer Welttournee eine Pause einlegten und Tucker mit Nikki nach Paris abzischte, Liam mit Abby nach Hawaii und Wes nach Hause, um seinen Freund Ben zu besuchen, ich dagegen meinen 67er Pontiac GTO genommen und war von L.A. aus nach Osten gefahren, da ich das merkwürdige Gefühl hatte, ich könnte dieses Kribbeln wiederfinden, irgendwo auf der Straße.

Vor ein paar Tagen hatte ich einen Halt in Austin eingelegt, da ich mir ein Bild der Musikszene, für die die Stadt berühmt war, machen wollte. Doch was meine Inspiration anging? Kein Kribbeln in meinem Bauch bislang, kein Schauer, der mir den Rücken hinunterlief.

Nichts.

Bin noch auf der Suche, schrieb ich Tucker schließlich zurück. Dann fragte ich ihn, wie es Nikki ging und musste schmunzeln als seine Antwort kam: Verfickt gut.

Es war merkwürdig. Die anderen und ich hatten immer miteinander rumgehangen, selbst wenn wir gerade nicht im Studio standen oder auf Tournee waren. Sie waren schon seit einer ganzen Weile meine besten Freunde und mittlerweile sogar eher wie Brüder. Verdammt, so richtig feiern hatte ich von Tucker gelernt, und jetzt machte mein großes Vorbild mit einem Modepüppchen einen auf Familie. Er und Liam hatten die wahre Liebe gefunden.

Alles veränderte sich gerade. Jeder kam gerade irgendwo an.

Wodurch ich, und ich schätze auch Wes, wie Außenseiter dastanden. Nur dass Wes anscheinend gut damit klarkam, weiter den ständig feiernden Playboy zu geben.

Und ich?

Ich war ein vierundzwanzigjähriger Rockstar, der schon auf eine ansehnliche Zahl Frauen zurückblicken konnte und keinerlei Anreiz verspürte, sich bald niederzulassen, doch jetzt musste ich gegen meine merkwürdige Rastlosigkeit angehen. Dieses ständig nagende Gefühl, dass ich weiterziehen und etwas anderes mit meinem Leben anfangen müsste. Oder jemand anderen finden müsste, der mein Leben vervollkommnete. Irgendwen, der umwerfend war, so wie Liam und Tucker jemanden gefunden hatten.

Und doch konnte etwas in mir sich bloß vorstellen, dass das wohl nur Wunschdenken war. Meine Erfahrung hatte mich gelehrt, dass es immer schlecht endete, wenn ich Zeit mit jemandem verbrachte, der umwerfend war.

Nachdem Tucker und ich uns noch ein paar mehr Nachrichten hin- und hergeschickt hatten, steckte ich mein Handy in die Tasche.

Ich sah mich im Chappy’s um, einer Kombination aus Nachtclub und Kellerbar, wo ich allein an einem Tisch ganz hinten im trüben Licht saß und beobachtete, wie sich der Raum langsam füllte. Niemand schien mich zu bemerken, genauso mochte ich die Aufmerksamkeit meiner Person gegenüber, wenn ich nicht mit der Band zusammen war: als nicht vorhanden. Am Tisch rechts neben mir sprach ein Collegejunge gerade etwas zu laut mit einem texanischen Landei, das ganz entzückt davon zu sein schien, dass er ihr Aufmerksamkeit schenkte. Links neben mir der Tisch war voll mit Frauen, die schon ganz schön angeheitert waren, obwohl der Abend gerade erst begonnen hatte. Eine der Frauen trug eine billige Plastikkrone – ein Junggesellinnenabschied in vollem Gang.

Noch vor ein paar Monaten hätte ich mich gleich an einen Tisch voller Mädels gemacht, all meinen Charme aufgebracht, geflirtet bis ihre Höschen feucht gewesen wären und hätte ein – oder zwei – Angebote für ein kleines Abenteuer hinter der Bühne angenommen. Und, ja, ich meine Sex.

Doch heute Abend? War mir das alles scheißegal, ich konzentrierte mich voll auf die nächste Band, die auf die Bühne kam. Sie setzte sich aus einem unverzichtbaren Drummer, einem Gitarristen, einem Bassisten und dann noch so einem Kerl mit einer Violine – oder sollte man das eher eine Fiedel nennen? – zusammen, außerdem war da eine zierliche Frau mit einem riesigen Akkordeon und, ich schwöre bei Gott, ein Typ mit einem Stahlwaschbrett vor seiner Brust.

Der Bassist bewegte sich schludrig, verfing sich im Kabel, blieb mit dem Arm im Gurt hängen und stolperte über den Verstärker. Der Kerl war entweder betrunken oder bekifft – egal was, in diesem Zustand würde er den Beat sicher nicht halten können. Die Akkordeonspielerin warf ihm einen wütenden Blick zu, als er gegen sie schwankte.

Vielleicht wäre es an der Zeit gewesen, mein Bier einfach runterzukippen und zu verschwinden. Schließlich war ich hier, um Musik zu hören, nicht, weil ich eine Zirkusshow sehen wollte.

Der Typ mit der Fiedel ging ans Mikro und stieß einen Laut aus, mit dem man eine Wildschweinjagd oder ein Rodeo hätte beginnen können, dann rief er: „Ich heiße Daniel Bodine und meine Band hier sind die Bayou Beaux. Also schnappt euch euer Babe und betet, dass ihr besser keine Riesentrampel seid, denn hier kommt echtes Zydeco!“

„Sagte er gerade Zydeco?“, fragte ich und beugte mich zu dem Jungen am Tisch nebenan. Der Junge blinzelte nicht einmal. Gut. Hat mich nicht erkannt. Das war einer der Vorteile, dass ich erst spät zu Point Break dazugestoßen bin und den Bass spiele – das hieß nämlich, dass ich weiter hinten blieb und mich hinter meinen langen Haaren verstecken konnte – deshalb wurde ich nicht so leicht erkannt wie Tucker und Liam. Sie waren die Zugpferde, diejenigen, um die sich die Menschen scharten. Klar, ich bekam schon auch Aufmerksamkeit, doch wenn ich mir erst einmal die Haare schneiden ließ und dann auch noch einen Hut und eine Sonnenbrille aufsetzte, konnte ich genau die Anonymität genießen, die ich wollte, wenn ich vom Radar verschwinden wollte.

Der Junge wandte seinen Blick wieder der Band zu, beantwortete aber dennoch meine Frage, indem er sagte: „Jap. Davon haben Sie aber schon gehört, oder?“

„Klar!“ Das war nicht ganz gelogen. Ich hatte schon von Zydeco gehört, aber ich konnte nicht wirklich behaupten, dass ich schon einmal Zydeco gehört hatte.

Ich schätze, meine Antwort kam ein wenig zu zögerlich, denn der Typ hob eine Braue. „Das hört sich für mich an, als wären Sie noch nie bei einer kreolischen Nacht im Chappy’s gewesen. Einmal im Monat kommen die Bands aus Louisiana. Die Musik ist vollkommen abgefahren. Sie werden es lieben.“

„Ich soll ein Akkordeon lieben?“, fragte ich trocken. Das letzte Mal, dass ich ein Akkordeon spielen gehört habe, war, als mein Großonkel Bertrand mich und meine Cousins dazu genötigt hat, bei einer Familienfeier eine Polka nach der anderen zu hören. Da war ich so ungefähr fünf. Seitdem litt ich unter einem schweren Trauma.

„Junge, hör einfach zu.“

Die Band begann zu spielen, doch anstatt der Kakophonie, die ich erwartet hatte, kam etwas Magisches von der Bühne aus auf mich zugerollt. Ich musste zugeben, diese Musik sprach mich tatsächlich an. Das Tempo war recht schnell, und sie hörte sich an, als hätten Bluegrass-Country und Rock gemeinsam ein widerspenstiges, uneheliches Kind gezeugt. Die Akkordeonspielerin flog mit geradezu übermenschlicher Geschwindigkeit über die Tasten, der Drummer schlug auf die Membrane ein, als schuldeten sie ihm eine Menge Geld, und der Typ mit dem Waschbrett bearbeitete es mit seinen Löffeln von oben nach unten und füllte den Raum mit seinem breiten Grinsen.

Der einzige, der nicht ganz auf der Höhe war, war der Bassist, der mit leerem Blick in den Raum starrte und oft genug den Takt verlor, um das Tempo zu drosseln. Der Typ stand wirklich mächtig unter Drogen.

Nach zwei Liedern tat die Band sich so schwer, dass einige Leute im Publikum zu buhen begannen.

Etwas daran pisste mich an. Alles andere an Bayou Beaux rockte überraschenderweise, selbst das scharfe Raspeln des Waschbretts.

„Shit.“ Als der Junge am Nachbartisch fluchte, wurde ich auf ihn aufmerksam. „Ich hab sie schon mal spielen gehört, die haben überhaupt kein Problem, ein Riesenpublikum umzuhauen. Aber wenn sie nicht bald ihren Beat in den Griff bekommen, ist es aus. Dann wird Chappy sie nicht mehr einladen. Und wenn du nicht bei Chappy’s auftrittst, hast du in der Musikszene von Atlanta keine Chance.“

Und wenn du in Atlanta nicht weiterkamst, hatte dein letztes Stündchen geschlagen. Ich kannte das. Und ich erkannte ein ungeschliffenes Talent, wenn ich es hörte, und Bayou Beaux strotzte nur so vor ungeschliffenem Talent – außer dem Bassisten, der echt Mist war, und der gerade dabei war, die Band mit sich in seinen eigenen Drogensumpf zu ziehen.

Lied Nummer zwei verklang unter ein paar wenigen Jubelrufen, und Daniel, der Sänger, sprach mit gerunzelter Stirn ins Mikrofon. „Etwas Geduld, Leute, wir müssen uns um ein technisches Problem kümmern.“ Er drehte dem Publikum den Rücken zu und beugte sich, um mit ihm zu sprechen, nahe an den Bassisten, dessen Augen sogar noch glasiger und unfokussiert schienen.

Technisches Problem, meine Fresse. Die einzige Möglichkeit, das Steuer noch herumzureißen, wäre ein vollkommen neuer Bassist gewesen.

Der Gedanke brachte mich auf eine Idee.

Meine verräterischen langen Haare hatte ich kurzscheren lassen. Ich trug eine Baseball-Cap, Jeans und ein dünnes, geknöpftes Karohemd. Ich sah kein bisschen so aus, wie wenn ich mit Point Break spielte. Niemand hatte mich erkannt und niemand würde.

Ich kippte den Rest meines mittlerweile warmen Biers rein, stand vom Tisch auf und ging seitlich an der Menschenmenge vorbei, bis ich vorne an der Bühne ankam. Ich musste irgendwas tun, um der Band zu helfen, sagte ich mir, doch ganz hinten im Kopf wusste ich, dass ich das für mich tat. Ich wollte mehr von diesem umwerfenden Talent hören, das hier direkt vor mir freigelassen worden war.

Die Akkordeonspielerin nickte in meine Richtung, und Daniel drehte sich um und entdeckte mich.

„Was machst du denn auf meiner Bühne?“, fragte er grob und begutachtete mich von oben bis unten. In seinen Augen war kein Wiedererkennen zu sehen.

„Sieht so aus, als könntet ihr einen Bassisten gebrauchen.“

„Wenn du dich nicht von der Bühne verpisst, kriegste die Hucke voll.“

Was zum Teufel sagte der Typ? „Was?“

„Ich verpass dir einen Tritt in den Hintern, du Arschloch. Verzieh dich von meiner Bühne!“ Er stieß die Worte aus, warf jedoch dem Bassisten einen sorgenvollen Blick zu, der sich hatte fallen lassen und nun mit dem Kopf zwischen den Knien dasaß.

„Ich bin Bassist, versprochen. Ich spiele schon seit einigen Jahren professionell. Zydeco habe ich noch nie gespielt, aber ich kann den Rhythmus besser halten als euer Spezi hier.“ Ich stupste den Bassisten mit meinem Fuß an, hielt aber Daniels Blick stand. Kein Erkennen in seinen Augen.

Rasch warf ich den anderen Bandmitgliedern einen Blick zu. Keiner schien zu bemerken, dass sie den Bassisten von Point Break vor sich stehen hatten. Ich deutete mit meinem Daumen auf das miese Stück Dreck, das das Ganze verpatzt hatte und kurz davor war sich zu übergeben. „Eure Musik gefällt mir, aber euer Auftritt wird gleich im Arsch sein, wenn ihr nicht bald jemanden findet, der die Harmonie und den Rhythmus wieder zusammenbringt.“ Ich stieß einen ungeduldigen Seufzer aus, dann verpasste ich meiner Ansprache noch das Tüpfelchen auf dem i, indem ich hinzufügte: „Ihr spielt C, zwölftaktigen Blues, und das Akkordeon gibt den Takt.“

Die Bandmitglieder tauschten Blicke aus und hoben die Brauen. Das Gesicht des Waschbrettspielers hellte sich auf. „Boss, lass ihn raufkommen. Lawrence steht wieder mächtig unter Drogen. Kann doch nicht schaden.“

„Wenn der Typ hier meint, er kann mehr als ein flüchtiges An und Aus, will ich das sehen“, sagte Daniel. „Versuch’s wenn du willst. Und irgend jemand schaff mir diesen Vollidioten von der Bühne.“ Er gestikulierte in Richtung Bassist, der grinste, bevor er die Augen verdrehte und sich vornüber beugte.

Als der Waschbretttyp den Bassisten an den Fersen von der Bühne zog, schnappte ich mir die Bassgitarre und legte mir den Gurt um den Hals, dann stimmte ich sie kurz. Meine hätte geweint, wenn sie gesehen hätte, in welchem Zustand die Griffleiste war und wie viele Saiten hätten ausgetauscht werden müssen.

Es war nicht schwierig, den Rhythmus zu finden, den ich brauchte. Wie ich mir schon gedacht hatte, basierten die meisten Beats auf alten Bluesrhythmen. Wenn man die Basics hinbekam, dann war das kein Problem. Doch das war nicht der Zauber des Abends – der Zauber bestand darin, die Menge zu beobachten. Als die Band endlich auf Touren kam, drängte so gut wie jeder auf die Tanzfläche. Männer wirbelten Frauen umher, Mädchen twisteten und tanzten den Shimmy, während ihre Partner sie griffen und wieder losließen, und die Energie wurde immer stärker. Ich konnte das Grinsen gar nicht mehr von meinem Gesicht bekommen.

So viel Spaß hatte ich das letzte Mal im Madison Square Garden auf einer Bühne gehabt. Hier ging es nicht um die Spannung vor einer großen Zuschauermenge oder darum, ein Lebenswerk zu vollbringen. Während mir der Schweiß meine Braue hinabtropfte und die Bar sich in einen wilden Tanzsaal verwandelte, merkte ich, dass das, was ich spürte, frei war. Ein Kribbeln in meinem Bauch, entfacht durch die raue Liebe zur Musik, die ich den ganzen Frühling über nicht gespürt hatte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich etwas in mir lebendig an.

Ich grinste und lehnte mich mit meinem Rücken an den Rücken der Frau, die das Akkordeon spielte. Ja, das war ein Wahnsinnsauftritt.

Der Rest des Abends verstrich in einem Nebel aus Musik und Lachen. Als die Band zu Ende gespielt hatte, war ich in Schweiß gebadet und fühlte mich so lebendig wie seit Monaten nicht mehr. Gemeinsam mit der Band ging ich hinaus in die Gasse, um ihnen beim Beladen ihres Vans zu helfen.

Zum Schluss steckte ich den ramponierten Bass in die ebenso ramponierte Hülle und reichte sie Daniel. „Danke Mann, das war der Hammer.“

Die Akkordeonspielerin, Cindy, eine zarte Asiatin mit kurzgeschorenen Haaren und einem Ring in der Nase, warf Daniel einen vielsagenden Blick zu. „Das könnte noch mehr sein. Wir werden Lawrence nicht mehr mit uns spielen lassen. Schon mal darüber nachgedacht, nach Pontmaison, Louisiana zu kommen?            Wir sind die Hausband von Daniels Bar, dem Evangeline’s am Stadtrand. Pontmasion ist klein – hat grad mal 3500 Einwohner – und eine ganz brave Gemeinde, alles macht um acht zu. Aber wenn du um neun da bist, dann rockt die Bar. Wir spielen am Dienstag wieder.“

„Ähm…“ Ich wollte Ausflüchte machen. Es war ja schon nett, gefragt zu werden, aber wollte ich nicht gerade nach L.A. zurückkehren? „Das ist wirklich lieb“, sagte ich, „aber ich kann nicht.“

„Warum denn nicht? Hast du einen anderen Job? Eine Frau, die dich hier ganz dringend braucht?“

„Ich bin nicht–“ Ich konnte mich gerade noch davon abhalten zu sagen, dass ich nicht hierher kam und dass es keine Frau in meinem Leben gab. Und was den anderen Job anging? Ich hatte den ganzen Sommer über frei.

Was hielt mich also davon ab, ja zu sagen?

„Die Musik hat was mit dir angestellt, stimmt’s?“ Als Daniel Bodine erst einmal von der Bühne war, war deutlich zu sehen, dass er älter war als ich gedacht hatte. Irgendwie hatte er im Rampenlicht, als er die Fiedel gespielt hatte, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter ihm her, nicht älter als Mitte dreißig gewirkt. Hier draußen, als die Nacht langsam dem Morgen wich und wir in dieser Hintergasse unter den surrenden Straßenlaternen standen, sah ich die Hornhaut an den Fingern des Mannes, und die grauen Strähnen, die sein dunkles Haar durchzogen waren deutlich zu erkennen. „Wenn dir Zydeco erst einmal unter die Haut gegangen ist, gibt es keinen Weg mehr zurück. Du siehst aus wie ein Mann, der auf der Suche ist. Vielleicht hat Zydeco dir den Weg gezeigt.“

Seine Worte hallten in mir wider.

In meinem Leben war im Moment nichts los. Nichts, was auf mich wartete. Point Break brauchte mich gerade nicht. Niemand tat das. Und die Tatsache, dass keiner der Bandmitglieder oder irgendwer von den Zuschauern mich als den Bassisten von Point Break erkannt hatte, bedeutete, ich konnte noch eine Weile länger in völliger Anonymität leben. Verdammt, es fühlte sich ganz schön gut an, einfach nur ein normaler Durchschnittstyp zu sein. Doch am meisten tat es gut, dass die Musik mein Blut zum Leben erweckt hatte.

Vielleicht wäre es ganz nett, mal ein Weilchen unterzutauchen. Einen großen Bogen um das Rampenlicht zu machen. Musik zu machen, die meine Seele erhellte. In den Sümpfen von Louisiana abzutauchen könnte mir all das geben.

Ich zuckte mit der Braue in Richtung Daniel. „Ihr braucht wirklich einen Bassisten?“

Daniels dunkle Augen blinzelten mir zu. „Lawrence ist ein de’pouille.“

„Ähm, heißt…?“, fragte ich und dachte, ich bräuchte jetzt eine Cajun-Englisch App. Daniel war ein toller Musiker und schien auch ziemlich cool drauf zu sein, aber man konnte ihn einfach nicht verstehen.

„Das heißt, dass Lawrence ein Wrack ist“, übersetzte Cindy. „Hör zu. Unser Auftritt ist Dienstagabend um acht. Wir würden uns freuen, wenn du mit uns spielen würdest. Du tätest uns einen großen Gefallen.“

Daniel schnaubte und sagte etwas in Cajun, das vom Tonfall her nach einem Fluch klang. „Wenn du pünktlich auf der Bühne bist, hast du den Auftritt, das garantiere ich dir.“

Ich dachte ein paar Sekunden darüber nach, wog meine Möglichkeiten gegeneinander ab. Warum sollte ich mich schon drei Tage im Voraus für einen Auftritt festlegen, wenn ich morgen vielleicht nach L.A. fahren oder, verdammt, einfach in Florida feiern wollte, oder in New York. Und doch … Es war egal, dass ich ein Rockstar war und reisen konnte, wohin auch immer ich wollte. Etwas an ihrem Angebot – die Möglichkeit, Musik zu machen und dabei auch noch unerkannt zu bleiben – ließ meinen Bauch kribbeln, und das war heutzutage schon selten.

Also grinste ich und nickte. „Ich kann mich nur nicht längerfristig festlegen. Wenn nichts dazwischenkommt, werde ich da sein.“

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