Verrückt nach dem verkehrten Kerl Auszug

Es war schwierig, bei einer Unterhaltung Desinteresse vorzutäuschen, wenn das Thema-der-Wahl genau der Mann war, von dem man jahrelang Fantasievorstellungen gehabt hatte. Und dennoch tat Bryn Donovon gerade genau das.

„Komm schon, Bryn, sei ehrlich“, wurde sie von Tamara Logan gedrängt, während die mit einer Gabelvoll Salat gestikulierte. „Es kann doch nicht sein, dass du es schaffst, jede Woche Daniel Mays bei Gericht gegenüberzustehen, ohne ihm an die Wäsche gehen zu wollen. Du bist eine Frau, du hast Augen im Kopf, und er ist wunderbar. Er war beim Ironman unter den besten fünf, stell dir doch das bloß einmal vor!“

Bryn schnaubte, trank einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und zuckte mit den Schultern. „Gibt’s mittlerweile eine neue Kategorie beim Triathlon? Männer mit den größten Köpfen vielleicht?“ Gut, der war wirklich gut! Ihr Kommentar gab weder die Begierde noch die Sehnsucht preis, die in der Sekunde als Tamara Daniels Namen erwähnt hatte, durch ihren Körper gejagt waren.

Tam lachte, und ihre überdimensionalen Ohrringe klimperten. „Ja, die gibt’s in der Tat, nur dass die Richter nicht den Kopf oberhalb der Taille gemessen hatten. Er qualifizierte sich, weil er den größten …“

Mit den Händen über ihren Ohren stöhnte Bryn auf: „Bitte! Erspar mir all die schmutzigen Einzelheiten!“

„Leider werde ich das wohl müssen.“ Tams gesamtes Gesicht leuchtete auf, als sie lächelte; ihre Augen funkelten und ihre Mundwinkel bildeten Lachgrübchen, die es unmöglich machten, nicht zurückzulächeln. Obwohl ihre Freundschaft noch relativ frisch war, war das Mittagessen mit Tam der Höhepunkt von Bryns Tag geworden. „Ich bedauere es wahrlich, dass ich diesen Mann niemals nackt gesehen habe“, sagte Tam und wedelte wieder mit ihrer Gabel. „Doch wenigstens weiß ich aus erster Hand, dass er fantastisch küssen kann.“

Bei Tams Worten musste Bryn sich bemühen, eine ausdruckslose Miene zu bewahren. Tam hatte sich mit Daniel ein- oder zweimal verabredet, aber Bryn war diejenige, die von wiederkehrenden Träumen  mit ihm geplagt wurde. Im Traum der letzten Nacht hatten sie bei weitem mehr getan als nur sich zu küssen. Sein weiches Haar war über die Innenseite ihrer Oberschenkel gestrichen, und seine Zunge hatte köstliche Dinge angestellt mit ihrer …

Bryn sog zittrig den Atem ein. Auch jetzt ärgerte sie sich noch darüber, wenn sie sich an ihren erhitzten, erregten Zustand zurückerinnerte, als sie aufgewacht war. Und das verwirrte sie. Es gab viele attraktive Männer auf der Welt, aber nur Daniel Mays plagte sie so in ihren Träumen, wie auch während ihrer wachen Stunden.

Es war unbestreitbar, dass dieser Mann gut aussah, sandfarbenes Haar,  grüne Augen, ein leichtes Kinngrübchen und stets ein Lächeln auf den Lippen. Sein robuster, langgliedriger Körper überragte Bryns schmale Gestalt von einem Meter achtundfünfzig deutlich. Der leichte, gedehnte Südstaatenakzent und sein lockerer, ihm innewohnender, natürlicher Charme trugen dazu bei, dass er das Gesprächsthema Nummer Eins aller weiblichen Angestellten des Gerichtspersonals war.

Daniels Verabredungsrekord und seine Fähigkeit, mit den meisten seiner Ex-Freundinnen befreundet zu bleiben, bewiesen, dass er die einzigartigen Unterschiede jeder einzelnen seiner Bewundrerinnen zu schätzen wusste und dass er sie gut behandelte. Während der zwei Jahre, die er vor Gericht und außerhalb auftrat, hatte er sich mit einer Vielfalt von Frauen verabredet: mit einer Blondine von klassischer Schönheit aus der Recherche-Abteilung, mit einer kleinen asiatischen Gerichtsschreiberin und natürlich mit Tamara, einer der drei Staatsanwältinnen des Gerichts. Er schien keinen besonderen Typ zu bevorzugen, sondern genoss vielmehr die Verschiedenartigkeiten dieser klugen, engagierten und komplexen Frauen. Dennoch sah es danach aus, als würde keine von ihnen sein Interesse für längere Zeit aufrechterhalten können.

Und trotz seines guten Aussehens, seiner Frohnatur und seines offensichtlichen Charmes verdiente Daniel Mays seinen Lebensunterhalt damit, Verbrecher zu verteidigen. Diese Tatsache hätte die Anziehung, die sie spürte, schon längst zunichte machen sollen.

Doch das traf nicht im Geringsten zu.

Als Bryn bemerkte, dass Tam sie anstarrte, musste sie sich anstrengen, sich zu erinnern, worüber sie gesprochen hatten. Ach ja! Daniels Küss-Qualitäten! „Es ist keine Überraschung, dass er so gut küssen kann“, murmelte Bryn. „Er hat ja schließlich genug Übung darin gehabt.“

„Ja, er ist ein Frauenheld“, räumte Tam ein, „aber er ist Single … wer kann es ihm verdenken? Es ist nicht so, dass er es schwer hat, jemanden zu finden. Und seine Übung hat sich ausgezahlt. Was dieser Mann mit seiner Zunge so alles anstellen kann ist wahrlich ein Wunder. Vance ist natürlich die Ausnahme, aber Daniel Mays zu küssen ist erotischer als mit beinahe egal welchem anderen Mann Sex zu haben. Und dabei ist es auch noch weitaus wahrscheinlicher, dass er eine Frau dazu bringt, zu kommen!“

Bryn steckte den Rest ihres Sandwiches in die Papiertüte zurück und zerknüllte sie zu einem Ball.  „Naja, das wüsste ich nicht, noch würde ich es wissen wollen. Das Einzige, das noch weniger Anreize bietet als Mays zu küssen, ist, was er tut, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.“ Und offensichtlich wusste er, wie sie darüber dachte. Am Anfang war er freundlich gewesen. Neugierig auf sie. Als sie nicht darauf reagiert hatte, hatte er all seine Bemühungen eingestellt, sie besser kennen lernen zu wollen. Er war zuvorkommend, aber das war auch schon alles.

„Strafverteidiger sind keine Ungeheuer“, sagte Tam sacht.

Bryn zuckte zusammen. Sie streckte ihre Hand aus, um Tams Arm zu berühren, hielt jedoch inne, ehe sie tatsächlich den Kontakt herstellte. „Es tut mir leid. Ich sollte nicht so verallgemeinernd sprechen. Es gibt mehrere Strafverteidiger, die ich mag und respektiere. Besonders Vance. Aber Mays ist einfach ein wenig zu … zu …“

„Ablenkend?“, meinte Tam und lächelte dabei wissend.

Viel zu sehr, dachte Bryn. Er lenkte sie in der Tat von dem ab, was am wichtigsten war, nämlich den Opfern von Verbrechen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Genau die gleiche Art von Gerechtigkeit, die ihrer Schwester versagt worden war. Seufzend stand sie auf. „Gleichgültig. Er ist ein wenig zu gleichgültig dem gegenüber, was er tut. Aber wir wollen nicht von ihm reden. Wie geht es dir?“

Auch Tam erhob sich mit einem Stöhnen. Die runde Wölbung ihres Bauches ließ sie aussehen, als hätte sie einen Basketball verschluckt. „Außer den Rückenschmerzen und dem ständigen Harndrang fühle ich mich pudelwohl. Ich kann dir versichern, dieses Baby liebt besonders zwei Dinge: Stepptanzen auf meiner Wirbelsäule und auf meiner Blase zu liegen.“

Bryn warf ihren Müll weg und ging auf das Hauptbüro zu, blieb jedoch auf der Schwelle stehen. Sie blickte sich um zu Tam, die ruckartig hinter ihr angehalten hatte. „Also“, fing Bryn an und bemühte sich um einen lockeren Tonfall, „ich habe über dein Angebot nachgedacht, für mich mit Vance‘ Bruder ein Treffen zu vereinbaren. Ich weiß, dass ich zuvor nicht gerade begeistert von der Idee war, aber weißt du zufällig, ob er nächsten Freitag schon etwas vorhat? Weil … naja …“

„Die Verlobungsparty deiner Schwester nächstes Wochenende sattfindet und du plötzlich verzweifelt nach einem Mann Ausschau hältst, der zwischen dir und deiner Mutter postiert werden kann, um dir den Rücken freizuhalten?“

„Sowas in der Art“, gab Bryn widerwillig zu. „Ich will nur nicht wieder die gleiche alte Leier hören, dass ich ein Workaholic sei und als verbitterte, alte Jungfer mit vielen Katzen sterben und ihrer Mutter das Herz brechen werde. Wer weiß, falls Thad frei ist, könnte er …“

Jemand räusperte sich.

Bryn fuhr zusammen und schnellte herum.

Daniel Mays!

Er lehnte an einem hohen Aktenschrank und hatte seine Arme vor der Brust verschränkt. Wie immer beschleunigte sich Bryns Pulsschlag. Ihr Blut jagte in atemberaubender Geschwindigkeit durch ihre Adern, zudem trocknete diesmal ihr Mund aus, und vor lauter Verlegenheit hatte sie auf einmal einen Frosch  im Hals. Es bestand die Möglichkeit, dass er sie über ihn hatte sprechen hören, und er war klug genug zu merken, was sich hinter ihren Worten verborgen hatte: ungewolltes Verlangen!

Nach ihm.

 

***

 

Gleich nach dem Mittagessen war Daniel in das Büro des Staatsanwalts gegangen und war angenehm überrascht gewesen, Tams Stimme aus dem Hinterzimmer zu hören. Normalerweise verbrachte Tam ihre Mittagspause mit ihrem Ehemann Vance, Daniels Partner vor Gericht und sein bester Freund, gleichzeitig der glückliche Hurensohn, der sich Tam geschnappt hatte, kurz nachdem Daniel sie gebeten hatte, mit ihm auszugehen. Daniel könnte nicht glücklicher für die beiden sein. Vance war für ihn wie ein Bruder, und Tam wurde schnell so etwas wie eine Schwester für ihn. Eine Schwester, die er geküsst hatte, womit er Vance oft neckte.

Schmunzelnd hatte er begonnen, ihrer Stimme entgegenzugehen, als er plötzlich das Wesentliche ihrer Unterhaltung mitbekam. Amüsiert, geschmeichelt und wieder überzeugt, dass Vance es wirklich gut getroffen hatte, hatte sich Daniel umgedreht, um wegzugehen. Doch dann hörte er, wie Tam ihre Begleitung mit Namen anredete, und da war er sogleich stehen geblieben.

Bryn Donovon, die stocksteife, knallharte Staatsanwältin, die absolut keinen Unsinn duldete und von der Rechtsgemeinschaft passenderweise mit dem Spitznamen ,Justice‘ (= Gerechtigkeit) belegt worden war? Er hatte nicht gewusst, dass Tam Bryn kannte, ganz zu schweigen davon, dass sie mit ihr befreundet war. Und anscheinend waren sie eng genug befreundet, um über Männer zu diskutieren? Und über Fantasievorstellungen?

Und über ihn?

Er hätte gehen sollen. Wirklich! Zwei Frauen, die über Männer und Sex und ihn sprachen, bei dieser Unterhaltung hätte er nicht lauschen dürfen! Doch dann überkam ihn das Gefühl, dass er nach der Niederlage vor Gericht jetzt eine Stärkung seines Egos vertragen könnte.

Als Tam den Ironman-Triathlon erwähnt hatte, hatte Daniel eine Grimasse gezogen. Ha! Das war nicht ganz die Stärkung des Egos wie er sie sich erhofft hatte. Dieser Triathlon hätte ihn beinahe umgebracht. Bei Bryns Erwiderung hatte er die Stirn gerunzelt, obwohl er auch überrascht war. Sie waren zwar keine Freunde, aber er hatte auch nichts getan, womit er solche Verachtung verdient hätte. Und sein Ruf, den er bei den Damen hatte, war auf jeden Fall übertrieben. Ausgerechnet sie hätte die Unschuldsvermutung gelten lassen müssen, solange seine Schuld noch nicht bewiesen war. Gerade sie müsste das verstehen.

Er schob jegliche, verbleibende Schuldgefühle beiseite, die er insgeheim wegen Lauschens gehegt hatte. Er war nur hereingekommen, weil er eine Bewegung vernommen hatte und überprüfen wollte, was es war. Wenn die beiden Frauen nicht schlau genug waren, die Tür zu schließen, während sie tratschten, war das ja nicht sein Fehler.

„Bitte“, hatte er Bryn sagen hören. „Erspar mir all die schmutzigen Einzelheiten!“

Daniel sog scharf den Atem ein. Schmutzig?

Seine Verärgerung war mit jedem Wort, das Bryn Donovon gesagt hatte, angewachsen. Als sie seinen Beruf so spöttisch abgewertet hatte und Desinteresse an seinen sexuellen Fähigkeiten ausgedrückt hatte, hatte Daniel den verrückten Drang verspürt, in ihre Unterhaltung hineinzuplatzen und sie bis zum Orgasmus zu küssen, nur um sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Oh nein! Bryn Donovon küssen? Das war in der Tat ein neuartiger Gedanke!

Unter Druck würde er sie bestenfalls als durchschnittlich beschreiben. Dunkles Haar, schlanke Figur, untadelige Haltung, langweilige Kleidung. Unauffällig, aber nichts Bemerkens- oder Beachtenswertes. Sicherlich nicht auffallend, und nichts, das auf eine fröhlich-witzige Seite oder eine warme Persönlichkeit schließen lassen könnte. Daniel brauchte nichts Auffallendes, aber er wollte doch Witz und Wärme.

Doch es musste etwas über Zunder, vielleicht Feuer gesagt werden. Bryn hatte Feuer! Ganz absolut hatte sie Feuer. Plötzlich konnte er die Vorstellung, sie zu küssen, nicht aus seinem Kopf bekommen.

Hatte er mit seiner Einschätzung von ihr völlig danebengelegen? War er einfach überarbeitet? Hatte er sie immer nur als beruflichen Gegenspieler betrachtet, sodass seine Wahrnehmung dadurch beeinträchtigt war?

Daniel zuckte mit den Schultern und grinste. Gerade jetzt konnte er das besonders gut herausfinden. Er verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich an den Aktenschrank und wartete darauf, dass die Frauen in den Vorraum kamen. Als sie auf der Schwelle plaudernd stehen blieben, wurde er ungeduldig und räusperte sich, um Bryns Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Als sie sich umdrehte und ihn sah, hätte er erfreut sein können, weil sie so aus der Fassung gebracht zu sein schien. Stattdessen musste er mit seiner eigenen unerwarteten Reaktion fertig werden. Als sie errötete und vor Verlegenheit und Überraschung die Augen weit aufriss, bemerkte Daniel zum ersten Mal – wie war das möglich? – dass ihre Augen alles andere als Durchschnitt waren.

Sie waren von einem warmen, goldenen Braun, umgeben von dunklen Wimpern, die ihre leicht exotische Form noch betonten. Er wollte es eigentlich nicht, aber er nahm die gesamte Ladung Schönheit in sich auf.

Was für ein Idiot er gewesen war!

Bryn sah fantastisch aus!

Ihr wunderbar glattes Haar ohne Andeutung einer Welle glänzte wie Ebenholz.

Die verführerische Linie ihrer Waden oberhalb dieser zweckmäßigen, schwarzen Pumps.

Die Fülle ihrer Unterlippe, die sie jetzt mit geraden, weißen Zähnen strafte.

Und ihre Augen. Oh Mann, ihre Augen!

Er stellte sich vor, wie diese goldenen Augen benommen und verwirrt, beinahe betäubt wären vor Vergnügen, Vergnügen, das er ihr auf so vielerlei Weise schenken könnte. Mit Worten. Mit seinem Körper. Im Liegen. Im Stehen. Zärtlich und langsam. Dann hart. Dann noch härter.

Als könnte sie seine Gedanken lesen, errötete sie, sagte aber nichts.

Über Bryns Schulter hinweg grinste Tam Daniel an. Da sie groß gewachsen und hohe Absätze trug, obwohl sie diese Wassermelone in ihrem Bauch hatte, überragte sie die vergleichsweise kleine Figur Bryns. Fröhlich winkte sie in seine Richtung. „Hallo, hübscher Kerl! Gerade haben wir von dir gesprochen.“

Bryn sah so aus, als würde sie Tam mit bloßen Händen erwürgen wollen. Stattdessen reckte sie ihr Kinn und ging an Daniel vorbei.

Oder vielmehr, sie versuchte es. Daniel blockierte den Ausgang. Trotz des Aufruhrs von Gefühlen, der in ihm tobte, unterdrückte er das Bedürfnis zu lachen. „Tatsächlich? Es klang eher so, als würdet ihr darüber sprechen, Thad dazu zu bringen, mit Bryn zu einer Verlobungsparty zu gehen.“ Verstohlen warf er einen Seitenblick auf Bryn. „Doch ich kenne diesen Typen seit Jahren, und selbst wenn er momentan keine außergewöhnliche Beziehung hätte …“ Er sah, wie sich Tams Augen weiteten, und verengte seine nahezu unmerklich. Sofort presste sie ihre Lippen aufeinander, um ein Lächeln zu unterdrücken. „… wäre ich nicht sicher, wie er sich vorkäme, wenn er benutzt werden würde als … warte mal, wie sollen wir das nennen? … Ablenkung. Obwohl ich euch keinen Vorwurf daraus machen kann. Ich habe auch so eine ewig optimistische Mutter.“

Bryns Blick flackerte, zeigte an, dass entgegen ihrer Absichten er doch zu ihr durchdrang.

„Aber wer hätte das gedacht? Anscheinend haben Sie doch vor etwas Angst, Fräulein Donovon.“ Er grinste und wollte, dass sich diese stocksteifen Schultern endlich etwas entspannten. Der Art und Weise, wie sie mit Tam geredet hatte, nach zu urteilen, hatte sie sehr wohl Sinn für Humor, der ihrer klaren Intelligenz ebenbürtig war. Vielleicht würde sie, wenn sie sich einmal entspannt hätte, mehr Spaß und Wärme ausstrahlen als er sich je hatte vorstellen können. „Vorsicht, oder Sie beschädigen Ihren Ruf als besonders harter-Hund-in-Strafprozessen.“

Sie errötete. Das kam in ihren Augen einem Stottern oder einem Schlag auf den Po gleich. „Entschuldigen Sie mich, aber ich bin spät dran fürs Gericht.“

Daniel hob seinen Blick in Richtung Bürouhr. „Die Gerichtsverhandlung beginnt erst in zehn Minuten.“

Sie reckte ihre Stupsnase in die Luft. „Vielleicht sollte ich mich dann lieber außerhalb des Verhandlungsraumes aufhalten als hier mit Ihnen herumzustehen.“

Feuer, dachte er wieder.

„Ja, geh aus dem Weg, Daniel!“, unterbrach Tam. „Du wirst doch nicht wollen, dass Bryn dir körperlich auf die Pelle rückt, oder?“

Tam zwinkerte ihm hinter Bryns Rücken heimlich zu.

Daniel straffte sich, trat zur Seite und zeigte mit der Hand vor sich eine einladende Geste an. Während Bryn an ihm vorbeiglitt, sagte er: „Ich schätze, das hängt davon ab, was sie vorhat. Sagen wir mal, wenn sie mir zum Beispiel etwas herunterreißen wollte … oh, ich weiß nicht … vielleicht meinen großen Kopf …?“

Bryn erstarrte, und Daniel hörte, wie sie kaum verhindern konnte, vor Schreck nach Luft zu schnappen.

„Das könnte irgendwie Spaß machen“, meinte er und verbarg sein Grinsen nun nicht mehr. „Was sagst du dazu, Justice?“

Mit angespannten Schultern drehte sie sich zu ihm um, um ihn anzuschauen. „Ich sage, da würde ich lieber der Jury in meiner Unterwäsche gegenübertreten.“

„Was auch immer dich anmacht. Und das meine ich wirklich so.“

Mit so stocksteifem Rücken wie immer marschierte sie zur Tür hinaus.

Als sie außer Hörweite war, drehte sich Daniel zu Tam um, die über ihn bloß den Kopf schütteln konnte. Er zuckte unschuldig mit den Schultern. „Was?“

Tam schnaubte. „Thad verabredet sich im Moment mit niemandem, und das weißt du genau.“

Dramatisch riss Daniel seine Augen auf  und sagte: „Wirklich? Ich hätte schwören können, dass Vance das gesagt hatte. Hmm. War wohl mein Fehler dann.“

„Sie mag Strafverteidiger nicht besonders.“

„Das ist bei den meisten Staatsanwälten so. Sie wird darüber hinwegkommen. Immerhin kann ich ja gut küssen.“

Tam schnaubte wieder, und er grinste. „Ich sage ja bloß …“ und zog dabei all seine Vokale in die Länge.

Zwanzig Minuten später, nachdem er Tam angedroht hatte, er würde ihrem ungeborenen Kind sobald es zwei Jahre alt sei ein Schlagzeug kaufen, falls sie Bryn mit irgendjemand anderem zusammenbrachte, ganz zu schweigen mit Thad, starrte Daniel von einem Platz im Publikum im Sitzungssaal aus auf Bryns Rücken.

Kein Zweifel. Sie faszinierte ihn. Er wollte sie besser kennen lernen, einschließlich dessen, was wohl nötig wäre, damit sie sich entspannte.

Damit sie lächelte.

Damit sie ihre Arme um ihn legte und vor Vergnügen stöhnte.

Erneut überkam ihn heftiges Verlangen, das ihn veranlasste, reumütig zu lächeln.

Gerüchte beiseite, eigentlich war er besonnen und überlegte es sich gut, mit wem er sich verabredete. Selten fing er mit Rechtsanwältinnen etwas an, und niemals hatte er ein Date mit einer Staatsanwältin gehabt, ganz zu schweigen mit einer, die so streng und unnachgiebig war wie Bryn. Dennoch, wer konnte schon ahnen, dass Bryn Donovon so viele sinnliche Ebenen hatte, die es zu erforschen galt? Daniel war stolz darauf, Feinheiten wahrzunehmen, die andere übersahen, und die Tatsache, dass er ihre übersehen hatte, ärgerte ihn maßlos.

Die letzten zwei Jahre hatten sie am Gericht von Sacramento zusammen gearbeitet. Wenn sie sich grüßten, hatte er freundlich-höflich gelächelt. Er hatte ihr Geschick bei Gerichtsverhandlungen bewundert, hatte ihr sogar die Hand geschüttelt, um ihr zu gratulieren, wenn sie ihn vor Gericht geschlagen hatte, was bis jetzt jedes einzelne Mal der Fall gewesen war.

Aber bis auf heute war er noch niemals im Gericht gesessen mit dem einzigen Zweck, etwas über sie zu erfahren. Niemals zuvor hatte er ihren Körper so intensiv studiert, sich jeden Winkel, jede Kurve eingeprägt, als ob er sich auf einen Frontalangriff vorbereitete. Doch genau das tat er jetzt, und genau das plante er auch!

Er brauchte weniger als eine Minute, um die Wahrheit zu akzeptieren.

Er war ein Idiot gewesen, sie zu übersehen. Doch jetzt nicht mehr! Die gestrenge Bezirksstaatsanwältin mit den Schlafzimmeraugen hatte ein Geheimnis, und er würde nicht eher zufrieden sein, bis er dieses Geheimnis gelöst hätte.

Dank Tam könnte er diesmal eine Chance haben.

Der Justizangestellte rief alle zur Ruhe; die Gerichtsverhandlung begann. Unkonzentriert hörte er dem Verteidiger zu, während Bryn die ersten Fälle abhandelte. Dann, als der Justizangestellte Kyle Winsors Fall aufrief, erhob sich Daniel und begab sich nach vorne. Er nahm am Tisch des Verteidigers bei seinem Klienten Platz, einem neunzehnjährigen Punk, der zu viel Zeit für Blödsinn hatte, der seinem Leben aber noch eine Wendung geben könnte.

„Warten wir noch auf die Gerichtsverhandlung, die für nächste Woche angesetzt ist, Herr Mays?“, fragte der Richter.

„Außer Fräulein Donovon ist gewillt, der Bewährung zuzustimmen, wenn wir im Austausch dafür nicht gegen die Anschuldigungen vorgehen werden?“ Er betrachtete Bryns Profil, obwohl er bereits wusste, was sie sagen würde.

Ohne ihn anzusehen, antwortete Bryn ruhig: „Das wird nicht geschehen, Euer Ehren. Die Menschen verlangen in diesem Fall die Höchststrafe, und wir sind darauf vorbereitet, die Sache zur Verhandlung vor Gericht zu bringen.“

„Wie Sie wollen, Anwälte.“

Während der Richter mit seinem Justizangestellten das weitere Vorgehen diskutierte, fluchte Kyle leise. Hinter ihm fluchte sein Vater, der Daniel nur als Winsor bekannt war, noch viel lauter.

Winsors Fluch war die einzige Warnung, die der Gerichtssaal erhielt.

Bevor irgendwer die Absicht des Mannes erkennen konnte, war er über die niedrige Wand gesprungen, die das Publikum vom Gerichtspersonal trennte, und geradewegs auf Bryn zugestürmt. Bryn blickte auf und riss abrupt die Augen auf, als Kyles Vater sie angriff. Furcht stand ihr ins Gesicht geschrieben.

„Nein!“, schrie Daniel und sprang von seinem Platz auf. Bis Daniel Bryn erreicht hatte, hatte Winsor sie bereits gegen den Tisch gedrückt und eingequetscht. Wild versuchte sie sich loszureißen. Schnappte nach Luft. Dann schlug sie Winsor ihr Knie in die Eingeweide, kurz bevor Daniel den Typen an seinem Hemdrücken zu fassen bekam.

Winsor ließ ihre Kehle los, schaffte es aber noch, ihren Jackenaufschlag zu ergreifen, und zog sie mit sich. Daniel konnte ihm Bryn schnell gewaltsam entreißen und warf sich mit seinem Körper schützend auf sie. Winsor holte noch einmal aus, doch nun schlug der Gerichtsdiener mit seinem Schlagstock dem Angreifer auf seinen Hinterkopf. Endlich sackte er auf dem Boden zusammen. Der Gerichtsdiener hob den Mann an seinem Hosenbund hoch und zerrte ihn weg, weg von Bryn.

Schreie hallten durch den Saal. Der Richter befahl, dass sich alle beruhigen sollten. Daniel und Bryn standen auf, Bryn zitterte. Jemand drängte sich durch die Menge nach vorne und versuchte, zu Bryn zu gelangen. Daniel packte den Mistkerl und bemerkte, dass es Kyles Bruder Paul war.

„Hau ab!“, knurrte Daniel ihn böse an, während er Pauls Brust fest mit seinen Armen umklammerte. Der Mann ging einfach weiter, versuchte, Daniel mit sich zu ziehen.

„Lassen Sie mich los!“, keuchte er. „Ich werde das beenden, was mein Vater angefangen hat. Lassen Sie meinen Bruder in Ruhe!“, schnauzte er Bryn an.

Während Daniel ihn zu Boden rang, schaffte es Paul, einen gewaltigen Faustschlag in Daniels Gesicht zu platzieren, sodass dessen Lippe aufsprang und zu bluten anfing. Erst dann konnten zwei weitere Gerichtsdiener Paul überwältigen und ebenfalls wegziehen. Ein schneller Blick bestätigte Daniel, dass sein Klient aus dem Sitzungssaal hinausgeführt wurde. Kurz bevor Kyle um die Ecke verschwand, schaute er zu Daniel um, und sein Gesichtsausdruck zeigte, wie geschockt er war.

Bryn lehnte sich noch etwas am Tisch an. Daniel stürzte auf sie zu. Mit einer Hand unter ihrem Ellbogen und der anderen in ihrem Nacken blickte er in ihre benommenen Augen. Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig, während er tief Luft ein- und ausatmete, doch im Gegensatz zu ihm schien sie unfähig sein, zu atmen. „Bryn, bist du in Ordnung? Bryn!“

Sie sah ihn nur an. Er ließ seine Augen über ihren Körper wandern, um abzuschätzen, ob sie verletzt war. Ihre Kehle war rot an den Stellen ihrer zarten Haut, wo Winsors Finger zugedrückt hatten. Ihre Jacke war an der Seite abgerissen und ihre Bluse aufgerissen, wodurch ein Teil ihres pinkfarbenen Spitzen-BHs freigelegt wurde, der ihre wohlgerundete Brust bedeckte. Sein heftiger Herzschlag verlangsamte sich etwas, als Bryn endlich begann, etwas Luft zu holen.

„Du bist in Ordnung“, versicherte er ihr. Und sich selbst. Als er ihre Kleidung wieder gerade richten wollte, bemerkte er eine dunkle Stelle oberhalb ihrer Brust, die hinter ihrer Bluse hervorlugte. Da er meinte, es wäre eine Verletzung, schob er den Stoff beiseite. Doch es war keine Verletzung. Es war ein Tattoo! Ein verschnörkeltes Herz auf ihrer blassen, elfenbeinfarbenen Haut.

Daniel hob seine Augenbrauen und schaute Bryn an. Sie war immer noch erschüttert und lehnte sich an ihn. Soviel er von ihr wusste, würde sie niemals zulassen, sich an irgendjemanden anzulehnen. Er starrte ihr in die Augen und fühlte ein ganz seltsames Ziehen in seiner Brust, als ob sich in seinem Inneren irgendetwas verborgen oder eingenistet hätte. Er wollte seinen Arm gerade enger um sie legen, als sie die Fassung wiedererlangte, sich zurückzog und anfing, ihre Bluse zuzuknöpfen.

„Bryn …“, begann er, wurde aber sogleich von Linda Mendell, der Gerichtsberichterstatterin, zur Seite gedrängt. Die Frau, die wie ein Güterzug gebaut war, ergriff Bryns Arm, zerrte sie mit einem Ruck hoch und führte sie zu den Kammern des Richters. Bryn schaute zu Daniel zurück, mit großen, goldenen Augen, und er empfand ein ganz besonderes, tiefgehendes Gefühl in seinen Eingeweiden.

Ihm war ein unerwarteter Schlag versetzt worden, und zwar ein harter, und das nicht nur vom alten Winsor.

 

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