SEAL ein Leben lang Auszug

“Leutnant Mitch Trenton, melde mich zum Dienst, gnädige Frau.“

Warum genau gehe ich nicht mit Patienten aus?

Das war das erste, was Paige durch den Kopf ging, als sie ihre neue Aufgabe sah – 194 Zentimeter wunderschöne Männlichkeit (sie kannte seine exakte Größe aus seinen Krankenakten). Der Typ, der neben ihm stand, sah auch nicht schlecht aus, aber es war der Mann im Rollstuhl, dessen Brust- und Bizepsmuskulatur den Stoff seines T-Shirts dehnte, der Paige dazu brachte, sich über eine solch lächerliche Frage Gedanken zu machen.

Sie nahm an, ihr würde für diesen mentalen Ausrutscher verziehen werden. Als Physiotherapeutin der Laguna Hills VA Klinik und als Ex-Frau eines Soldaten der Navy war ihr die Anziehungskraft des Militärmannes nicht fremd. Und dieser hier hatte etwas an sich: In seiner vollkommenen Männlichkeit, seinem lockeren Lächeln und dem Funken Unfug in seinen Augen lag etwas, auf das Paige sofort ansprach. Er hatte einen ausgeprägten Kiefer und eine gerade Nase mit den längsten Wimpern, die sie je an einem Mann gesehen hatte. Aber es war die Art, wie er sich präsentierte, die ihr Interesse am meisten weckte, trotz seiner Verletzung: Er kommandierte, war es eindeutig gewohnt, Befehle zu geben. Obwohl er in einem Rollstuhl saß, füllte er den Raum aus. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie er war, wenn er stand.

Obwohl – das stimmte nicht.

Sie konnte es sich vorstellen und der Gedanke an ihn, wie er sie überragte und sie mit seinen Handflächen links und rechts neben ihrem Kopf in einen Käfig sperrte, wie sich seine verruchten Vorhaben in seinen Augen widerspiegelten, ließ sie schaudern.

Mit einer mentalen Verwünschung schickte Paige ihre ausgerissenen Gedanken fort und streckte ihre Hand aus. „Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Leutnant. Ich bin Paige O’Kelly.“

Er umschloss ihre Hand mit seiner und drückte sie. „Bitte nennen Sie mich Mitch. Und das ist mein Freund Ross.“

Paige und Ross tauschten ein Lächeln aus, bevor Paige in die Hocke ging. „Und das ist …?“

„Das ist Rocky.“

Rocky war ein großer Deutscher Schäferhund mit wunderschöner brauner und schwarzer Kennzeichnung. Er hatte sein Maul geöffnet und seine Zunge hing an der Seite hinaus. Er sah aus, als würde er lächeln. Außerdem trug er eine grüne Schürze, die ihn eindeutig als Diensthund identifizierte.

„Rocky hilft mir, herumzukommen, unter anderem“, sagte Mitch, als er liebevoll das Fell des Hundes zerzauste.

Paige wollte dasselbe tun, doch sie wusste, dass Fremde Diensthunde nicht streicheln sollten, während diese bei der Arbeit waren. Und ehrlich gesagt wäre sie auch viel lieber an der Stelle des Hundes gewesen, mit diesem Mann als Herrchen, der seine große Hand durch ihr Haar streichen würde. Ihre Kopfhaut reiben würde. Sie mit seiner Berührung beruhigen und gleichzeitig erregen würde.

Paige erschrak augenblicklich über ihre fortschreitenden Gedankengänge. Ja, sie hatte schon immer etwas für Typen in Uniform übrig. Aber mit einer bedeutenden Ausnahme, das war ihr Ex Tom, war sie nie der Typ für Liebe (oder Lust) auf den ersten Blick gewesen. Und trotz der Tatsache, dass sie an einem Ort arbeitete, wo Militärmänner scharenweise kamen und gingen, hatte sie noch nie zuvor eine Reaktion dieser Art für einen Patienten gehabt.

Bestimmt sperrte sie ihre eigensinnigen Gedanken ein und konzentrierte sich auf das, was Leutnant Trenton gesagt hatte. Sein Hinweis auf ‚andere Dinge‘ bezog sich vermutlich darauf, dass der Hund ihm emotional beim Umgang mit dem Trauma seiner Verletzung beistand. Trotz seiner äußerlichen Leichtigkeit war er nicht mehr der gleiche, seit er sich vor sechs Monaten verletzt hatte. Und jemandem wie ihm, einem starken und vitalen Navy Seal, musste das die Emotionen völlig durcheinanderbringen.

Paige richtete sich mit einem Nicken auf. „Natürlich. Laut den Unterlagen, die ich erhalten habe, waren Sie bereits mit Krücken unterwegs, bevor Sie Ihr Physiotherapeut in Coronado zur Genesung freigestellt hat.“

Mitch nickte. „Aber ich nehme den Rollstuhl für längere Strecken.“

„Richtig. Also…“, sie machte eine Pause, sah aus dem Fenster Richtung Parkplatz, der nicht weit vom Klinikeingang entfernt lag. Einer der Gründe, warum er in diese Klinik überwiesen wurde, war sein Marinephysiotherapeut. Dieser glaubte fest daran, dass er vom hochmodernen Hydrotherapie-Gerät, welches die Klinik im vorherigen Jahr dank eines großzügigen Wohltäters hatte anschaffen können, profitieren würde.

„Also, dieser Idiot hat seinen Urlaub damit begonnen, sich selbst zu sehr anzutreiben“, meinte Ross plötzlich. „Und er hat es übertrieben, was in einem Rückfall resultierte, sodass er wieder mehr auf den Rollstuhl angewiesen ist. Das heißt, Sie müssen ihn erst wieder in Gefechtsform bringen, bevor Ihr schickes Laufband ihn zurück ins Spiel bringt.“

Sie wartete darauf, dass Mitch ihn zornig anstarren oder anfahren würde. Das hätte Tom getan, wenn einer seiner Freunde ihn öffentlich so gezüchtigt hätte. Zu ihrer Überraschung grinste Mitch jedoch nur.

„Ja, das konnte nicht besser gesagt werden.“

„Und dennoch scheinen Sie überhaupt nicht zu bereuen, es übertrieben zu haben“, stellte Paige fest.

„Ich bin ein Navy Seal, gnädige Frau. Es zu übertreiben, ist Teil der Stellenbeschreibung.“

Und da war es. Der aufgeblasene, egoistische Macho, der Soldaten wie Leutnant Mitch Trenton oft so gut in ihrem Job machte und nicht immer so gut darin, Patienten oder Ehemänner zu sein.

„Naja, bitte denken Sie daran, Sie sind gerade nicht aktiv im Dienst, Leutnant, und werden es vielleicht nie wieder sein, wenn Sie sich weiterhin zu stark und zu schnell antreiben.“

„Ordnungsgemäß notiert“, sagte er. „Und ich verspreche, ich bin hier, um genau zu tun, was Sie sagen. Paige.“

Es war die Art, wie er es sagte, mit einer kurzen Pause vor ihrem Namen, zusammen mit dem intensiven Blick, den er ihr zuwarf, die seine Worte mit einer subtilen Note sexueller Anspielung durchtränkte. Sofort füllten Bilder mit all den Dingen, die sie ihn anweisen könnte zu tun, Paiges Kopf. Keine mit dem Ziel, seine Beine stärker zu machen, und alle mit dem Ziel, sie zum Höhepunkt zu bringen.

Seufz. Ein Jahr des Zölibats wirkte sich eindeutig verheerend auf ihre Libido aus. Sie musste sich zusammenreißen. Dieser Mann war ihr Patient und damit tabu. Selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre – sie hatte von Militärmännern abgeschworen, nachdem ihr Ex sie für eine Jüngere verlassen hatte. Paige war dumm genug gewesen, sich einmal in einen adrenalinsuchenden Mann in Uniform zu verlieben. Sie würde denselben Fehler nicht noch einmal machen.

Sie räusperte sich. „Wir brauchen etwa eine Stunde“, sagte sie und zwang sich dazu, seinen Freund anzusehen.

„Bis später“, sagte Ross und klopfte ihm auf die Schultern. „Belästige die hübsche Lady nicht zu sehr, kapiert?“ Er neigte seinen Kopf zu Paige. „Gnädige Frau. Passen Sie gut auf ihn auf, okay?“

Paige lächelte. „Natürlich. Hier entlang, Leutnant.“

„Mitch“, erinnerte er sie.

Sie brachte ihn zu einem abgetrennten Raum, schloss die Tür hinter ihnen und begann, ihre Hände im Waschbecken zu waschen. „Wir werden mit einer Untersuchung beginnen, dann geht’s weiter mit einer Massage. Ich weiß, dass du diese regelmäßig von deinem vorherigen Physiotherapeuten erhalten hast. Für die Massage ist es vermutlich am besten, wenn du dich ausziehst.“ Sie trocknete ihre Hände mit einem Papiertuch und drehte sich zu ihm. „Brauchst du Hilfe mit—“

Sie wollte ihm auf den Tisch helfen und dann das Zimmer verlassen, sodass er sich ausziehen konnte, doch Mitch hob sich bereits selbst aus seinem Rollstuhl. Seine Muskeln traten hervor, als er sich auf den Massagetisch manövrierte, bis er ihr gegenüber saß.

Und er atmete nicht einmal schwer, als er damit fertig war.

„Okay, na dann. Sieht nicht so aus, als hättest du viele Probleme damit, herumzukommen.“

„Sorry, ich wollte dir nicht die Schau stehlen.“ Kurzerhand schleuderte er seine Stiefel von sich, zog sein T-Shirt aus und entledigte sich seiner Hose, bis nur noch seine Boxershorts übrig blieben. Er warf die Kleidungsstücke auf den Stuhl und ganz ehrlich, sie musste sich anstrengen, nicht zu starren.

Rocky saß zufrieden in der Ecke. Der Deutsche Schäferhund neigte sein dreieckiges Ohr in ihre Richtung. Für einen Moment, in Anbetracht der Tatsache, wie schnell Mitch sich ausgezogen hatte, wie unbekümmert er gegenüber seinem fast nackten Körper war und wie seine Augen vor Herausforderung zu leuchten schienen, fragte sich Paige, ob sie ausgetrickst wurde.

Seine Haut war braun und weich und obwohl seine Beine vernarbt waren, seine jüngsten Verletzungen und Operationen bezeugend, musste sie kämpfen, um die Röte in ihrem Gesicht zu kontrollieren. Nie machten Patienten sie so nervös, nicht einmal die jungen, scharfen.

Sie ignorierte das Flattern ihres Pulses und bewaffnete sich selbst mit einem forschen, effizienten Auftreten. „Du hättest deine Kleider wirklich noch nicht ausziehen müssen.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Ist das ein Problem?“ Er hatte noch immer dieses herausfordernde Flackern in seinen Augen und sie hob ihr Kinn.

„Kein Problem. Ich werde dich einfach untersuchen und für die Massage dann ein Abdecktuch holen.“

„Das wird zu dem Zeitpunkt dann etwas witzlos sein, findest du nicht?“

„Nö. Nicht witzlos“, sagte sie. Zügig überprüfte und protokollierte sie seine Vitalwerte. „Auf den Rücken, bitte.“

„Eine Frau, die weiß, was sie will: Das gefällt mir.“ Mitch legte sich zurück, seine Füße hingen am Ende des Untersuchungstisches herunter. Er neigte seinen Kopf, um zur Decke sehen zu können.

Aufgrund seines unerwarteten Striptease und, nicht zu vergessen, ihrer starken Anziehung zu ihm, fühlte Paige sich gezwungen, etwas zu sagen. „Mitch.“ Sie wartete, bis er sie ansah, bevor sie fortfuhr. „Ich bin eine medizinische Fachkraft. Bitte behandle mich auch so.“

Seine Augen flackerten kurz, bevor er verlegen lächelte. „Ja, gnädige Frau. Es tut mir Leid.“

„Danke. Ich habe alle Protokolle vom Krankenhaus in Coronado erhalten, ebenso den neuen Patientenfragebogen, den du ausgefüllt hast. Dennoch möchte ich die aktuelle Beweglichkeit und Stabilität von Hüften, Rumpf, Schultern, Knie, Wirbelsäule und Knöcheln bewerten.“

„Vielen Dank für die Information, aber ich war in den letzten sechs Monaten so etwas wie ein menschliches Nadelkissen. Und ich übergebe mich gerne in deine sehr fähigen Hände, Doc.“

Viele Patienten nannten sie Doc, obwohl sie technisch gesehen keine Ärztin war. Doch nach allem, was er durchgemacht hatte, musste er das wissen und es erschien albern, ihn daran zu erinnern. „Okay, gut …“ Paige rieb ihre Hände aneinander, um sie aufzuwärmen, und durchlief dann die Schritte der Untersuchung. Sie drückte und schob und drehte und dehnte all seine Gliedmaßen, vermerkte, wenn seine Muskeln sich anspannten, wenn er zusammenzuckte oder wenn sie auf Widerstand traf. Sie bat ihn, gegen ihre Hände zu drücken, dann protokollierte sie ihren Befund. Als sie fertig war, atmete er schon etwas schwerer und seine Augen waren angespannter auf ihr Gesicht gerichtet.

„In Ordnung. Nachdem das getan ist, werde ich deinen Oberkörper kurz massieren, dann konzentrieren wir uns auf deine Beine. Wir beginnen vorne, im Anschluss kannst du dich dann umdrehen.“

Sie griff nach einem Tuch und platzierte es auf ihm, atmete kurz erleichtert auf, als Teile der entblößten, umwerfenden Haut bedeckt waren. Hinter ihm positionierte sie ihre Hände auf seinen Schultern. Es spielte keine Rolle, dass er mit einem Tuch bedeckt war oder dass sie seinen Flirt zum Stillstand gebracht hatte; plötzlich wurde die Stimmung zwischen ihnen weicher. Sie rieb seine Schultern mit langen, behutsamen Zügen, verstärkte den Druck dabei schrittweise und bearbeitete die Muskeln mit geübten Fingern. Währenddessen warf sie einen flüchtigen Blick auf sein Gesicht und bemerkte, dass er seine Augen geschlossen hatte und seine Gesichtsmuskeln sich entspannten. Ein Gefühl der Freude überkam sie, dass sie diesem Mann, der so viel gelitten hatte, eine mehr als nötige Erleichterung verschaffen konnte. Einige Minuten bearbeitete sie schweigend seinen Oberkörper, dann begann sie, seinen rechten Oberschenkel zu massieren, und fühlte die tiefsitzende Verspannung. Seine Haut war warm, das Kribbeln der Haare kreierte eine zusätzliche Sinnesempfindung in ihren Handflächen. Sie schloss ihre Augen und konzentrierte sich auf ihre Aufgabe, überließ sich selbst dem Rhythmus der Massage.

„Also, erzähl mal, Paige, bist du Single? Ich habe keinen Ring an deinem Finger gesehen.“

Sie schlug die Augen auf und ihre Bewegungen stoppten für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie die Massage fortsetzte. Ihr Herz schlug plötzlich noch schneller und sie bemühte sich, durchzuatmen. Es war nicht so, dass seine Frage sie überraschte. Sie war ausdauerndes Flirten verwundeter Kriegsveteranen gewöhnt, egal wie sehr sie versucht hatte, auf professioneller Ebene zu bleiben. Sie konnten nicht laufen oder hatten ein oder zwei Gliedmaßen weniger, aber sie wollten den Frauen zeigen, dass sie noch am Leben waren.

In aller Fairness, dies könnte eine unschuldige (und dennoch unangemessene) Frage sein. Es war möglich, dass sein Interesse nicht persönlicher Natur war und schlichtweg auf Neugier basierte. Aber es fühlte sich persönlich an. Es fühlte sich so an, als würde er die Anziehungskraft zwischen ihnen genau wie sie spüren können.

Aber sie konnte das weder eingestehen noch einlenken.

„Du warst in Afghanistan?“, fragte sie ihn mit einer deutlichen Ablenkungstaktik.

Er zögerte für eine Sekunde, sagte dann aber: „Ja, meistens in der Nähe von Kabul.“

Sie gab ein flüsterndes Brummen von sich. Seine Beine setzten sich in der Form kräftiger Waden fort und endeten dann in Füßen mit ausgeprägten, fast schon wunderschönen Wölbungen. Sie fragte sich, ob er regelmäßig rannte – oder pflegte zu rennen. Er strahlte einen reinen, waldigen Duft aus und Paige zwang sich zu ignorieren, wie ihre Körpertemperatur in seiner Nähe anstieg.

Gegen ihren Willen landete ihr Blick kurz zwischen seinen Beinen und ihre Augen weiteten sich. Er war definitiv erregt und versteifte sich unter dem Tuch und sie sah schnell zur Seite.

„Das tut mir Leid“, murmelte er. „Du bist eine wunderschöne Frau. Und deine Berührung fühlt sich verdammt gut an.“

Ich räusperte mich. „Kein Grund, sich zu entschuldigen. Eine völlig natürliche und rein biologische Reaktion.“ Verzweifelt wechselte sie das Thema. „Also, du bist seit etwa sechs Monaten zurück in den Staaten?“

„Das stimmt. Hatte zwei Operationen. Habe soweit Fortschritte gemacht, dass ich mit Unterstützung laufen kann. Davor konnte ich meine Beine nicht einmal spüren“, antwortete er.

„Das sind großartige Neuigkeiten. Du hast sehr viel Glück.“

„Du brauchst mir nicht sagen, wieviel Glück ich habe. Dieselbe Bombe, die das mit mir abgezogen hat, hat drei meiner Männer getötet.“

„Du hast ein Team geleitet?“

„Kommandanten leiten Sealteams; ich führte einen Sealzug an.“

„Wo liegt der Unterschied?“

„Es gibt acht Sealteams. Jedes besteht aus sechs Zügen.“

„Ah“, sagte sie.

Er hatte wieder zur Decke gestarrt, doch er warf ihr flüchtige Blicke zu. Seit wann brauchte ein Navy Seal so wunderschöne blaue Augen? Sie sah weg und konzentrierte sich darauf, sein Bein weiter zu massieren, und bewegte sich dabei in Richtung Knie. „Dein Verlust tut mir Leid, aber ich danke dir und diesen Männern für euren Dienst.“ Als Mitch nicht antwortete, fragte Paige: „Wie kommst du mit der Lage klar? Wenn ich fragen darf.“

Sie vermutete, er war der Typ Soldat, der psychologische Beratungen verweigern würde, sollten ihm diese nicht offiziell angeordnet werden. Es war ein Teil des machohaften Männlichkeitsdings. Und zuzugeben, über etwas sprechen zu müssen, würde bedeuten, dass ein Teil von ihm repariert werden müsste – nicht nur seine Beine.

Und tatsächlich blieb er still, was Paige dazu veranlasste, zu sagen: „Es ist keine Schande, mit jemandem zu sprechen, weißt du.“

Sein Körper schien sich unter ihren Händen zu verspannen und Paige arbeitete ihre Daumen tiefer in sein Bein. Bereit, es zu heilen, um diesem Mann das Laufen wieder zu ermöglichen. Mitch entspannte unter ihrer Berührung. „Ich habe genug mit einem Militärpsychologen gesprochen. Und ich verarbeite, danke.“

„Dennoch – nach Hause zu kommen, unfähig, richtig zu laufen, und diese Art von Trauma zu erleben … Hast du daran gedacht, erneut mit jemandem zu sprechen?“

„Glaub mir, es gibt genügend Leute, die mit mir sprechen möchten, Doc.“ Sein Ton war nicht mürrisch, nur gleichgültig. Als ob er die Fragen von unbekannten Menschen schon gewohnt war. „Wenn ich genügend Schlaf bekomme, geht es mir gut.“

Paige begann, unterhalb seines rechten Knies zu massieren, wo eine tiefe Narbe einsetzte und bis hinunter zu seinem Fuß verlief. Eine andere – höher einsetzend, nahe seinem inneren Schenkel – zeichnete sein anderes Bein. Sie konnte sich den Schmerz nur vorstellen, der solche Verletzungen auslösen musste. Wie Mitch erwacht sein musste und seine Beine vermutlich nicht spüren konnte, sich fragend, ob er je wieder laufen können würde. An die Decke starrend – so wie er es jetzt tat. Voller Hoffnung und verzweifelt versuchend, seine Angst nicht zu zeigen. Eine Welle des Mitgefühls überkam Paige und sie konnte nicht anders, als ihn zu fragen: „Hast du Albträume?“

Mitch verspannte sich und Schuld überfiel sie. Sie sollte ihn nicht zwingen, daran zu denken. Selbst wenn er mit jemandem sprechen sollte, war sie nicht die richtige Art Arzt. Sie heilte den Körper, nicht den Geist. Sie bewegte sich zu seinem linken Bein und beobachtete, wie Mitch die Zehen an seinem rechten Fuß beugte, als ob er sichergehen wollte, sie noch immer spüren zu können.

Kurz danach grinste Mitch sein Grinsen, aber es wirkte gezwungen. „Du hast meine Frage noch nicht beantwortet“, sagte er in seiner tiefen, rumpelnden Stimme.

Sie tastete herum und blickte flüchtig zu Rocky, als ob dieser etwas Unangemessenes zwischen ihnen beobachten würde. Der Hund leckte derzeit seine Pfoten mit seiner langen, rosa Zunge und beachtete sie offensichtlich nicht.

„Frage?“

„Du hast mir noch nicht erzählt, ob du Single bist oder nicht.“

„Und da ich eine medizinische Fachkraft bin und du mein Patient, werde ich diese Frage auch nicht beantworten.“

„Du hast keinen Ring, also bist du weder verheiratet noch verlobt. Und hättest du einen Freund, hättest du das zu Beginn gesagt. Frauen zeigen es immer schnell, wenn es jemanden gibt, der Anspruch auf sie erhebt.“

Der Mann war unglaublich. Seine Eitelkeit ärgerte und amüsierte sie gleichzeitig. Sie konnte nicht anders, als beeindruckt von seinem Selbstvertrauen zu sein. Die meisten Männer hätten bereits einen Rückzieher gemacht, aber nicht Mitch. Und sie konnte nicht anders, als von seiner Beharrlichkeit geschmeichelt zu sein. Das machte sie so wahnsinnig, dass sie ihre Finger unabsichtlich in seine Haut grub, was ihn zum Aufjaulen brachte.

Rocky setzte sich beunruhigt auf. Als er merkte, dass sein Herrchen in keiner wirklichen Gefahr war, ließ er sich wieder nieder.

„Tut mir Leid“, sagte sie, auch wenn das nicht wirklich stimmte. Warum sollte sie sich allein unbehaglich fühlen? „Aber egal, ob ich einen Ring trage oder nicht“, (und ob sie gerne jemanden gehabt hätte, der Anspruch auf sie erhob), „das geht dich nichts an. Soviel du weißt, könnte ich eine Lesbe mit fünfzig Katzen sein.“

Mitch lachte und der Klang war so reuelos charmant, dass sie nicht anders konnte, als zur Antwort zu lächeln. „Ne, du spielst nicht fürs andere Team. Ich weiß es, wenn eine Frau interessiert ist, und du bist interessiert.“

Sie sollte sich von ihm nicht ködern lassen, aber sie bemerkte, wie ihr der Vorsatz, die Dinge streng professionell zu halten, entglitt. „Warum denkst du, dass ich interessiert bin?“

„Ich habe gesehen, wie du mich ansiehst. Als ob du ein Stück davon wolltest.“

Sein Ton war ungeniert scherzhaft und vielleicht war das der Grund, warum sie ein wenig entspannte. „Ich habe dich angesehen, weil ich überrascht war, dass du dich ohne Hilfe auf den Tisch heben konntest.“ Sie vermutete, die Muskeln hatte er für ihr Wohlgefallen zur Schau gestellt. Er hätte etwas Gewicht auf seine Beine legen können, aber er manövrierte sich selbst nur mit der Kraft seiner Arme, wie ein Turner auf einem Seitpferd.

Er winkte ab. „Du hast dir deine Lippen geleckt. Du warst interessiert.“

Wahr, aber er wollte sie so offensichtlich provozieren, dass sie vor Empörung nahezu schnaufte. „Ich habe meine Lippen nicht geleckt!“

„Und du hast geblinzelt. Eine Menge.“

„Was, um alles in der Welt, hat das damit zu tun?“

„Blinzeln bedeutet, dass du dich von jemandem angezogen fühlst. Ich muss es wissen: Ich sehe das oft, wenn Frauen mich anschauen.“

„Ach wirklich? Na, ich habe einfach normal geblinzelt. Dreh dich um“, sagte Paige.

Mit leisem Schmunzeln und einer hochgezogenen Augenbraue tat Mitch wie ihm geheißen, während sie das Tuch auf ihn legte. „Du bist ein herrisches kleines Ding, nicht wahr?“

Sie weigerte sich, etwas zu sagen, und zu ihrer Überraschung blieb er für einige Minuten still, bevor er sagte: „Es ist okay, weißt du. Ich fühle mich von dir auch angezogen. Sehr sogar. Ich würde gerne mit dir ausgehen. Nur …“

Sie hielt den Atem an, als er stockte.

„Naja, du hast klargemacht, dass du es mit dem ganzen Arzt-Patienten-Ding sehr genau nimmst.“

Sie war erleichtert, dass er das verstanden hatte, dennoch war sie enttäuscht, weil sie sich nicht unter anderen Umständen kennengelernt hatten. „Ja, tue ich.“

„Sehr schade. Wir würden Spaß haben.“

„Ja? Wie das? Würdest du mich fürstlich bewirten mit Wein und gutem Essen?“ Jetzt, da er eindeutig anerkannt hatte, dass sie nicht mit ihm ausgehen konnte, fühlte sie sich ungezwungen genug, um ihn zu necken. Zumindest half es.

Es half auch, vorzugeben, er sei ihr 80-jähriger Patient Peter Horace, ein pensionierter Oberst, der sie bei jeder Gelegenheit um ein Date fragte. Sie neckte Peter, warum also nicht auch diesen Mann?

„Ohne Wein, aber mit Essen, definitiv. Ich würde dich zu einer Hamburgerbude in Downtown mit dem Namen Brandon’s ausführen. Wir würden essen und reden und Bier trinken, bis du angeheitert genug wärst, um die Finger nicht von mir lassen zu können. Bis du wollen würdest, dass ich dich berühre.“

Sie könnte schwören, dass ihre Hände zitterten. Er hatte Recht, zum Teufel mit ihm, obwohl sie kein Bier brauchte, um das Verlangen nach seiner Berührung zu haben. Sie wollte, dass er sie jetzt berührte.

„Und ich würde sagen: ‚Noch nicht, lass uns an den Hafen gehen.‘ Und wir würden ans Wasser gehen und dort würde ich dich berühren, aber nur ein bisschen. Gerade genug, um dich verrückt zu machen. Und dann würde ich dich zurück zu deinem Auto bringen, dich einmal küssen und dann gehen.“

„Wirklich, nur einen Kuss?“

„Nur einen. Ich war schon mit genügend Frauen zusammen, um zu wissen, dass sie die Vorfreude am meisten lieben.“

Sie schwieg wieder, versucht, die Massage schnell zu erledigen, um ihres Seelenfriedens Willen. Aber sie konnte nicht. Mitch verdiente etwas Besseres. Dennoch, vorzugeben, er sei Mr. Horace, funktionierte nicht.

Er hatte etwas in ihr entfacht. Etwas, was sie lange nicht erlebt hatte – nicht seit ihrem Ex. Und selbst dieser hatte sich nicht die Zeit genommen, sie mit Worten und süßen Versprechen zu verführen. Er trug einfach nur diese Uniform, winkte sie zu sich und Paige war wie Wachs in seinen Händen. Der Zauber, den das Daten und Heiraten eines Soldaten mit sich brachte, war schnell vergangen, trotzdem waren sie fünf Jahre lang verheiratet. Dann hatte Tom entschieden, dass er genug von Paige hatte, und überreichte ihr die Scheidungspapiere, um sie samt neuer Freundin zu verlassen.

Und hier war sie und wurde zu Wachs in den Händen eines anderen Soldaten, genau wie zuvor.

Tom war schlank und schnittig, aber Mitchs Körper war ein Kunstwerk mit skulptierten Muskeln, die sich unter ihren Fingen wölbten, als sie ihn massierte.

Ihre Arbeit war immer einfach nur Arbeit für sie gewesen. Aber mit Mitch hatte sie einen anderen Ton angenommen, intim und fast schon verführerisch. Als ob sie ein Glas milden Rotwein zusammen mit der bitteren Süße dunkler Schokolade genießen würde. Als ob sie ihren Liebhaber massieren würde, nicht ihren Patienten.

Sie wollte, dass er sie berührte – nicht andersrum.

Seine rauen Hände in ihrer Taille, seine Finger die Unterseite ihrer Brüste streichelnd. Seine tiefe Stimme, die ihren Namen sagte. Er wäre ein vollkommener Liebhaber, da hatte sie keine Zweifel.

„Na, dann ist es ja gut, dass wir nicht ausgehen werden. Dann brauchst du dir keine Sorgen zu machen, dass ich, außer aus beruflichen Gründen, meine Finger nicht von dir lassen kann“, sagte sie sanft.

Er grunzte.

Einige Minuten später beendete Paige die Massage, lächerlicherweise froh, dass sie vorbei war – sie sollte keine Fantasien für einen Patienten entwickeln. Sobald Mitch gehen würde, konnte sie ihren Kopf freimachen.

Sie gab ihm seine Kleidung, wusch ihre Hände erneut, besonders sorgfältig, als könnte sie sämtliche Anziehung zu seiner Person wegwaschen. Sie war sich den Geräuschen, die er beim Anziehen machte, mehr als bewusst. Als sie sich umdrehte, war er vollständig angezogen und sie hätte um den optischen Verlust seines starken Körpers weinen können. „Wir sind fertig für heute. Brauchst du Hilfe, um zurück in deinen Rollstuhl zu kommen?“

„Ich schaff das.“ Rocky stand daneben, als er seinen Rollstuhl näher zog, seine Beine auf die Seite manövrierte und sich dann langsam hinabgleiten ließ. Der Schwanz des Hundes wedelte und Mitch streichelte ihm den Kopf.

„Er ist wunderschön“, sagte sie. Fast so schön wie sein Herrchen.

Als ob er sie verstehen würde, wedelte Rocky noch stärker mit seinem Schwanz, seine Zunge heraushängend, und Mitch rieb seine Ohren, bevor er ihm den Rücken und die Seiten kratzte. „Er ist vermutlich schlauer als die meisten Menschen, die ich kenne.“

„Das glaub ich. Kann ich ihn streicheln?“

Mitch lehne sich zurück und gestikulierte: „Sicher.“

Paige kauerte sich auf die Höhe des Hundes und kratzte ihn hinter den Ohren, sie fühlte, wie sein Schwanz gegen ihren Fuß klopfte. Seine dunklen Augen sahen sie schätzend an, als ob er wüsste, dass sie sich selbst darüber belog, nicht mit seinem Herrchen ausgehen zu wollen. Du weißt, dass du es willst, schien sein Hundegesicht zu sagen. Du erlaubst dir nie, Spaß zu haben.

Ich darf keinen Spaß mit einem Patienten haben. Es spielt keine Rolle, ob ich ihn mag oder nicht.

Natürlich wollte sie Mitchs Angebot für ein Date annehmen. Sie war seit ihrer Scheidung nicht viel ausgegangen und verbrachte die meiste Zeit bei der Arbeit. Nicht wirklich eine Partnerbörse. Verdammt, sie hatte außerhalb des Büros nicht einmal enge Freunde. Sie hatte immer nur Tom und ihre Arbeit gehabt und das war alles. Jetzt, da Tom weg war …

Während sie Rocky weiterstreichelte, blickte sie flüchtig zu Mitch.

Er war unglaublich gutaussehend mit seinem dunklen Haar, den blauen Augen und dem männlichen Gesicht. Sie schaute hinunter zu seinen Händen: groß und mit langen Fingern. Imstande, Vergnügen zu bereiten und anzunehmen, dessen war sie sich sicher.

Sie stand so plötzlich auf, dass es ein Wunder war, dass sie nicht schwankte, so schnell stieg ihr das Blut in den Kopf. „Ich sehe dich in zwei Tagen. Solltest du Schmerzen haben, dann ruf an und wir können dich bestimmt auch vorher drannehmen.“

„Paige—“

Sie öffnete die Zimmertür und trat zurück, sodass er an ihr vorbeirollen konnte. „Einen schönen Tag, Leutnant. Ich muss mich auf meinen nächsten Patienten vorbereiten.“

Er starrte sie für einen Moment an, mit angespanntem Kiefer, als ob er mit ihr diskutieren wollte, doch dann seufzte er. Er rollte an ihr vorbei und sagte: „Danke, Doc. Einen schönen Tag.“

Leave a Comment: