Mit Dem Trauzeugen Im Bett Auszug

„Wir sind da.“

Bei der ruhigen Ankündigung wandte sich Gabe seinem Freund Jamie Whitcomb zu, in der Hoffnung, dass niemand bemerkt hätte, dass er sich seine Nase am Seitenfenster des Beifahrersitzes plattgedrückt hatte, während er die pompösen Häuser, die diese Straße säumten, in Augenschein nahm. Verdammt, er hatte ja gewusst, dass Jamies Familie reich war – auf eine Art und Weise, die nur sehr wenige Menschen überhaupt verstehen konnten – aber er war dennoch überrascht, als er den ersten flüchtigen Blick auf Jamies Familienbesitz erhaschte. Gabe musste im wahrsten Sinne des Wortes seine Zähne zusammenbeißen, damit ihm der Mund nicht offen stehenblieb.

Das Gebäude war im mediterranen Stil erbaut, mit hohen imposanten Mauern und einem Dach aus roten Ziegeln. Die Gartenanlage darum herum war von üppigem Grün, und der salzige, angenehme Geruch vom Ozean hing in der Luft, als sie durch die großen Einfahrtstore fuhren und zu einem kreisrunden Vorplatz, wo bereits ein Porsche und ein sportlicher BMW parkten.

Jamie schaltete den Motor seines Mercedes aus, und Gabe stieg aus. Im selben Augenblick hielt Eric mit seinem Alpha Romeo auf der Einfahrt an. Als Eric, Ryan und Luke aus Erics Wagen ausstiegen, bemerkte Gabe, dass das Haus nun, da er direkt daneben stand, noch größer wirkte. Es stellte alle anderen Häuser in den Schatten und ließ sie klein erscheinen. Die umgebende Begrünung und seine mächtigen Fenster zeugten von unermesslichem Reichtum, genau wie der glitzernd blaue Ozean dahinter.

Ein ungutes Gefühl erfüllte ihn. Er, Jamie und die anderen Jungs waren alle zusammen ins College gegangen und hatten in denselben Mannschaften Lacrosse und Fußball gespielt. Auf dem Campus der Universität war ihre unterschiedliche Herkunft nicht so stark aufgefallen, obwohl Gabe sie dennoch gespürt hatte. Jetzt…hier…wurde die Kluft zwischen ihnen so deutlich wie es an dem Haus selbst ablesbar war, zumindest wenn man in Betracht zog, in welch privilegierter Umgebung Jamie und Eric aufgewachsen waren.

Das Geräusch eines heranbrausenden Motorrads riss ihn aus seinen Gedanken, und als er sich umdrehte, sah Gabe, dass Cole auf der Einfahrt angehalten hatte. Wie üblich hatte der auf einen Helm verzichtet, und seine etwas zu langen braunen Haare waren wild durcheinandergeraten.

Gabe ließ den Atem, den er angehalten hatte, entweichen. Luke, Ryan und Cole entstammten durchschnittlichen Mittelklassefamilien. Zwar verfügten sie immer noch über mehr Geld als er, aber sie waren wenigstens nicht in so einem riesigen Haus aufgewachsen, das schon bald die Größe eines ganzen Wohnblocks in seiner eigenen Wohngegend hatte. Nein, stimmt nicht! Die Wohnblöcke in seiner Wohngegend waren meist ausgebrannte Ruinen, wo sich in den Hauseingängen Drogenkonsumenten zusammenkauerten, oder sie waren von Hausbesetzern besiedelt, die sich verbissen an alles klammerten, was sie kriegen konnten.

Ihm sank der Mut. Wahrscheinlich war das alles eine wirklich schlechte Idee gewesen, und damit meinte er nicht nur diesen Trip nach Coronado Island. Mit Kindern reicher Leute abzuhängen, war einfach blöd. Allerdings wussten alle, dass er völlig pleite war und aus einer armseligen Gegend stammte. Er hatte Eric sogar mit zum Fitness-Studio Clement Gym genommen und ihn seinem Freund und Mentor Sam vorgestellt. Bis jetzt hatte Eric Gabe nicht anders behandelt, nur weil Gabe aus anderen Verhältnissen stammte. Eric hatte ihm sogar anvertraut, dass seine Familie zu den sogenannten ,Neureichen‘ zählte; die Eltern seiner Mutter waren Lehrer gewesen, und die Eltern seines Vaters lebten immer noch in einer kleinen Stadt in Utah, wo sie einen Baumarkt besaßen. Eric besuchte sie jeden Sommer, so wie er es immer getan hatte, seit er auf der Welt war.

Egal. Eric hatte vielleicht nicht mit großem Reichtum begonnen, soweit Gabe allerdings wusste, war dessen Familie sogar noch wohlhabender als Jamies.

Cole begab sich zu Gabe. „Hey, Kumpel, siehst du den Ozean?“

Gabe nickte. „Ist ja schwerlich zu verpassen.“

Die Eingangstür öffnete sich, und eine erstaunlich gut aussehende, ältere Frau trat heraus. Sie hatte das gleiche weizenhonigblonde Haar wie Jamie. Als sie auf sie zukam, erkannte man ihre überraschend freundliche Miene. Sie freute sich nicht nur, ihren Sohn zu sehen, sondern anscheinend war sie auch gespannt darauf, alle seine Freunde kennenzulernen.

„Na, da seid ihr ja!“, sagte sie mit leiser, rauer Stimme. Sie umarmte Jamie freudig, der die Umarmung fest erwiderte.

„Hey, Mom, hier sind die Jungs. Leute, dies ist meine Mom.“

„Voll schön, euch alle kennenzulernen.“ Sie breitete die Arme Richtung Eric aus, der sie freundschaftlich umarmte. „Eric, es ist wunderbar, dich wiederzusehen. Lass dein Gepäck einfach da! Ich werde Stan beauftragen, es in dein Zimmer zu bringen.“

Stan erschien. Mit Jackett und Krawatte. Gabe versuchte, nicht zu starren. Ein Butler? Hatten sie wirklich einen Butler? Bezeichneten sie diesen Typen eigentlich als Butler?

„Hey, Stan“, sagte Jamie. „Das sind meine Freunde. Eric kennst du ja. Und dies sind Gabe, Ryan, Luke und Cole.“

„Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, meine Herren“, sagte Stan.

„Ebenso.“

„Gleichfalls.“

„Ebenfalls, Stan“, sagte Gabe.

„Kommt, Leute!“, sagte Jamie. „Ich zeige euch eure Zimmer und dann können wir den Swimming-Pool unsicher machen.“

Gabe folgte den anderen ins Haus. Die glänzenden Böden, die Kunstwerke an den Wänden und die gesamte Ausstrahlung von Wohlstand brachten ihn dazu, vorsichtiger zu gehen als normalerweise. Er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass er womöglich etwas zerbrechen könnte, und dieses Gefühl änderte sich auch nicht, nachdem sie sich alle ihre Badeshorts angezogen hatten und neben dem Schwimmbad relaxten.

Der Pool war ein L-förmiges Ding von beträchtlicher Größe, der sich am rechten Rand des Gartens befand und den Eindruck vermittelte, man könnte sogleich in das Wasser des direkt dahinter liegenden Ozeans springen. Dreißig Minuten später lag Gabe auf einer Gartenliege und ließ sich die Sonne auf den Pelz brennen. Die anderen Kerle schrien und lachten, blödelten im Pool herum oder chillten selbst auf ihren Liegen.

Cole nahm sich ein Bier aus einem Korb, den Stan vorher gebracht hatte. „Ich wusste ja, dass du reich bist, Jamie. Ich wusste nur nicht, wie reich.“

„Ja, ich habe Glück, aber es ist bloß ein Haus. Und es ist ja nicht so, dass es mir gehört, Leute. Ich bin total pleite, bis ich meinen nächsten Gehaltsscheck kriege. Ich bin nicht reich; und meinen Treuhandfonds bekomme ich auch erst mit fünfundzwanzig. Wisst ihr, wie schwierig es ist, an Mädchen ranzukommen, wenn man kein Geld hat?“

„Gabe zieht die Mädchen magisch an, obwohl er kein Geld hat“, sagte Luke grinsend. „Vielleicht liegt es an dir, Mann!“

„Klar, mein Charme kann es natürlich nicht aufnehmen mit Gabes Ruf, ein knallharter Kerl zu sein, der direkt von der Straße kommt. Ich wollte mit Kylie ausgehen und fragte sie vor ein paar Wochen, doch sie lehnte ab. Sie sagte, sie würde schlimme Jungs mögen. Dann fragte sie mich, was Gabe gerade machte.“

Er und Jamie hatten bereits über Kylie gesprochen, aber Gabe war nicht interessiert. Selbst wenn er interessiert gewesen wäre, so war Jamie doch ein cooler Typ und sein Freund. Er würde auf keinen Fall mit einem Mädchen ausgehen, das seinen Freund auf eine solche Weise hatte abblitzen lassen.

„Was läuft, Leute?“

Er blickte um sich und sah Eric herankommen. Dessen schlanker Körper steckte in lockeren Shorts, und das Sonnenlicht schimmerte auf seinen braunen Haaren. Er sah entspannt und unbekümmert aus, als er sich auf die freie Liege neben Gabe und Jamie fallen ließ.

„Hat mein Dad dich wieder einmal aufgehalten?“, fragte Jamie.

„Ach, das ist schon okay. Mir gefällt es immer, mit deinem alten Herrn zu plaudern.“ Eric und Jamie stießen die Fäuste aneinander, und Eric erkundigte sich: „Also, wo ist Brianne?“

Jamie wandte sich an Gabe. „Meine Schwester. Sie ist das erste Jahr an der Uni, aber es könnte sein, dass sie vorbeischaut.“

Das Gespräch wendete sich anderen Dingen zu, und Gabe wurde ein wenig lockerer. Die Aussicht war fantastisch, und er brauchte eine Atempause. Er war dank eines Sportstipendiums am College und musste hart arbeiten, um gute Noten zu erzielen.

Während der High School hatte er Football gespielt, aber eigentlich war ihm Fußball immer lieber gewesen, wenn er nicht gerade im Studio geboxt hatte. Ihm gefielen die Kurse. Aber die ständige Sorge, dass er, wenn irgendetwas schiefging, seinen Lebensunterhalt irgendwo in einer Fabrik zusammenkratzen müsste, zehrte an seinen Nerven und seinen Kräften wie auch die hohe Arbeitsbelastung an der Schule.

Verstohlen beäugte er die anderen Kerle. Keiner schien auch nur im Geringsten durch die Größe des Hauses oder die Menschen, die darin arbeiteten, eingeschüchtert zu sein. Sie schienen den Mann, der gerade die Büsche stutzte, nicht zu bemerken.

Gabe schloss die Augen und spürte, wie sich die Sonne auf seine Lider legte.

„Hey, Jamie!“, war eine leise Stimme, melodiös und eindeutig weiblich, zu vernehmen.

„Brianne!“

Gabes Augen klappten auf, und er sah, wie Jamie seine Schwester mit einer ungestümen Umarmung begrüßte und sich dann umwandte, um sie seinen Freunden vorzustellen. „Hier kannst du meine Freunde kennenlernen.“

Brianne war fantastisch. Sie hatte lange braune Haare, die in üppigen Wellen bis zu ihrer unteren Rückenpartie reichten. Sie war durchschnittlich groß, aber schlank und so voller Anmut, wie er noch kein Mädchen gesehen hatte. Sie sah wie eine Prinzessin aus, sogar in ihrer einfachen Jeans-Short, die ein gutes Stück ihrer sonnenverwöhnten  Oberschenkel freilegte, und dem schlichten pinkfarbenen Top. Sein Blick wanderte nochmals zu ihrer Short, die so klug designt war, dass es aussah, als hätte Brianne selbst recht nachlässig eine alte Jeans abgeschnitten. Die Taschen hingen über den Saum, und kleine weiße Fäden baumelten über ihrer goldenen Haut.

Mit strahlend weißem Lächeln wandte sie sich an Gabe. „Hallo!“

Er merkte, dass sich bereits jeder vorgestellt hatte. „Hallo. Ich bin Gabe. Schön, dich kennenzulernen.“

Ihre Blicke trafen sich. Gabes Herz schlug ein wenig schneller, und sein Schwanz wurde härter. Er schaffte es, nicht herumzurutschen, um sich nicht zu verraten, aber es kostete ihn eine gewaltige Anstrengung.

„Hast du etwas dagegen, wenn ich mich hier hinsetze?“ Mit anmutiger Handbewegung deutete sie auf die Liege neben seiner, die vor Kurzem von Luke freigemacht wurde, der nun vom Tisch aus, wo das Bier stand, Brianne anstarrte.

„Nein, überhaupt nicht.“

Als sie sich setzte, schob sich die Short an ihren Oberschenkeln hoch. „Du bist also der Fußballstar, hab ich gehört.“

Er zuckte die Achseln und trank einen großen Schluck Bier. „Ich bin ein Teil der Mannschaft.“

„Er ist so bescheiden“, sagte Jamie. „Dabei ist er der Hauptgrund, warum wir die meisten unserer Spiele gewinnen. Auf dem Spielfeld ist er knallhart.“

Brianne hielt mit Gabe Augenkontakt.

„Brianne spielt auch Fußball. Sie ist gut, aber sie schießt eben wie ein Mädchen.“

„Ich könnte es nicht vertragen, wenn mir ein Mädchen in die Quere käme und versuchte, ein Tor zu schießen“, sagte Gabe. „Ihr Frauen spielt echt hart.“

Brianne lachte und berührte mit ihrer Hand kurz seine. Sogar dieser winzige Kontakt reichte aus, dass kleine Erregungskitzel über seinen Rücken rasten. „Oh, vielen Dank auch. Es ist schön, zu wissen, dass es in der ganzen Horde auch einen Typen gibt, der was versteht.“

„Ach, komm…“ Jamie stöhnte auf, und die anderen brachen in Gelächter aus.

Brianne erkundigte sich nach ihrem schulischen Werdegang. Gabe schaute in seine Bierflasche, ohne etwas zu sagen. Jamie war in der Wirtschaft, Cole und Luke loteten ihre Möglichkeiten in der Gesetzesvollstreckung aus, Ryan wusste nicht so genau, was er machen wollte, und Gabe…er war sogar noch unentschlossener als Ryan.

Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Wie immer stand er im Abseits. Würde jemals die Zeit kommen, dass er sich in dieser Welt behaglich fühlen könnte? Er war überzeugt, dass er auffiel wie ein bunter Hund, er, der Außenseiter innerhalb der Gruppe seiner Freunde.

„Ich glaube, ich gehe etwas spazieren.“ Jeder schaute ihn an, und Gabe spürte, dass sich verräterische Wärme auf seinem Gesicht ausbreitete. Er hätte fast geschrien, so verzweifelt wollte er vom Schwimmbad verschwinden. Ihm ging einfach viel zu viel durch den Kopf.

„Ich werde dir alles zeigen“, meinte Brianne und stand auf.

Das war es eigentlich nicht, was er im Sinn gehabt hatte. Er hatte von ihr wegkommen wollen.

Sie war zu viel für ihn. Zu schön, zu reich. Wegen ihr fühlte er sich schwindelig und heiß und unsicher. Es war schlimm genug, innerhalb einer Gruppe Kinder reicher Eltern das arme Kind zu sein. Brianne machte die Sache nur noch schlimmer, indem sie auf all das ein Schlaglicht warf, was mit ihm nicht stimmte.

Aber sie gab ihm keine Gelegenheit, zu widersprechen. „Komm, wir gehen an den Strand.“ Sie zeigte ihm den Weg, und Gabe beschloss, den Unbeteiligten zu spielen und es über sich ergehen zu lassen, anstatt zu diskutieren und als noch größerer Idiot dazustehen als ohnehin schon. Seitlich am Schwimmbadbereich befand sich ein von perfekt gestutzten Hecken verborgenes Gartentor, von wo aus ein paar Steinstufen zum Strand führten. Es war fast wie im Film.

„Was denkst du?“, fragte Brianne, als sie den Sand erreicht hatten.

„Wenn ich ehrlich bin? Ich denke, dass ich keine Leute kenne, die im wirklichen Leben so leben. Ich kann mir nicht vorstellen, einen Privatzugang zum Strand zu haben. Ich meine, wie cool ist das denn?“

Sie kicherte. „Das ist keine so große Sache.“

„Sagt jemand, der eben genau so lebt.“

„Ich schätze mal, du lebst dann also nicht so?“

Die Wellen krachten an den Strand, und Gabe wandte den Kopf, um zuzuschauen. Brianne hatte ihn unvorbereitet erwischt, ihn nach seinen Gedanken gefragt, und er hatte einfach drauflos geplappert. Er hatte natürlich nicht beabsichtigt, offenzulegen, dass er in Armut aufgewachsen war, aber wahrscheinlich konnte man ihm das sowieso ansehen.

„Nicht wirklich“, gab er zu. Und dabei beließ er es.

Eine lange Zeit spazierten sie schweigend dahin. Die Wärme der Sonne, die vom Sand reflektierte, war kein Maßstab für die Hitze, die in seinem Inneren herrschte und ihn von innen heraus zu verbrennen drohte. Er spürte die Versuchung, sich in die Fluten zu stürzen, nur um sich abzukühlen.

„Also, was machst du hier, Brianne? Wie ich hörte, bist du in deinem ersten Jahr an der Uni.“ Dies sollte eine recht sichere Themenwahl sein.

„Ja. Ich, ähm…ich komme an den Wochenenden manchmal nach Hause und wann immer es sich zwischendurch einmal ergibt.“

„Du bist also eher ein häuslicher Typ?“

„Nicht wirklich. Ich habe nur gerade eine Beziehung beendet.“ Sie holte tief Luft. „Wir waren verlobt.“

Sein erster Gedanke war, dass ihr Verlobter ein völliger Volltrottel gewesen sein musste, wenn er so jemanden wie Brianne ziehen ließ. „Das tut mir leid.“

Sie zuckte die Achseln. „Es sollte eben nicht sein. Ich denke, wir waren zu jung. Es war dumm. Ich brauche doch mehr Lebenserfahrung, bevor ich eine Familie gründe, nicht wahr?“

Sie versuchte, tapfer zu sein. Er wollte seine Hand nach ihr ausstrecken, sie berühren, sie trösten. Ihr das Gefühl geben, geliebt zu werden. Denn schon durch die kurze Zeit, während der er sie kannte, war er überzeugt, dass sie es verdiente. Sie verdiente alles.

„Er hat mich betrogen“, gab sie unumwunden zu.

„Was für ein hirnloser Scheißkerl!“

Sie starrte ihn einen Sekundenbruchteil an, dann lachte sie.

„Entschuldige! Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ein Mann so dumm sein kann, dich zu betrügen.“

Kopfschüttelnd lachte Brianne immer noch ein wenig. „Weißt du, das klingt jetzt vielleicht albern, aber das ist genau das, was ich momentan hören muss.“

Sein Herz weitete sich, nur weil er wusste, dass er sie glücklich gemacht hatte, wenn auch nur für den Moment. Es waren schon bizarre Gedanken, die ihm wegen dieses Mädchens durch den Kopf gingen. Ein Mädchen, das er gerade erst kennengelernt hatte und das ihn kein zweites Mal anschauen würde, wenn sie wüsste, welchen Hintergrund er hatte.

Sie blieb stehen und wandte sich mit den Händen in den Hosentaschen ihrer abgeschnittenen Jeans der Brandung zu. „Fragst du dich, wie viele Menschen gerade in dieser Minute vom Ozean berührt werden?“ Das Wasser umspülte ihre Füße.

„Eigentlich nicht“, gab er zu. Er schaute nach unten, beobachtete das blubbernde Wasser. Er spürte dessen Sogwirkung, als es zurückströmte, dann floss es mit der nächsten Welle wieder über seine Füße.

„Ich frage mich, wie viele Menschen genau dieses gleiche Wasser momentan spüren. Ich frage mich, welche Art Leben sie führen. Weißt du? Wer sind sie und welche Probleme haben sie? Würden meine im Vergleich dazu verblassen?“

Er konnte seinen Blick nicht von ihrem Profil losreißen, und als sie sich umdrehte, um ihn anzulächeln, wurde sie geradewegs von der Sonne angestrahlt. Ein Windstoß rauschte an ihnen vorbei, sodass der Duft ihres Parfums und ihres Shampoos an ihn herangetragen wurde.

Und das war der Moment, als er sich tatsächlich in sie verliebte.

Sie ging noch weiter ins Wasser, bis es ihr an die Knie reichte, und forderte ihn auf, mitzukommen.

Er lachte und schüttelte den Kopf.

„Ach, komm schon, Feigling!“ Mit den Händen auf die Hüften gestützt, tat sie so, als würde sie schmollen, und genau in diesem Augenblick rollte eine große Welle heran und brachte Brianne aus dem Gleichgewicht.

Gabe stürzte vorwärts und fing sie auf, bevor sie komplett im Wasser lag. Sie schrie, während sie mit einem Lachen in seinen Armen landete. Aber Gabe lachte nicht. Er war zu sehr mit dem Gefühl beschäftigt, als wäre er von einem Stromschlag mit tausend Volt getroffen worden. Brianne spürte sich so warm in seinen Händen an, so weich und nachgiebig. Sie strahlte so viel Energie aus, und ihre sonnengebräunte Haut kribbelte an seiner.

Einen verrückten Moment lang überlegte er, ob er sie küssen sollte. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, legte sie ihren Kopf zurück und schaute ihm in die Augen. Sie war ihm so nah. Alles, was er tun müsste, war, sich zu ihr zu beugen…

„Das habe ich nun davon, eine Besserwisserin zu sein!“, murmelte sie, während sie sich aus seinem Griff befreite.

Er trat beiseite, enttäuscht, aber nicht überrascht. Natürlich würde sie nicht wollen, dass er sie küsste. Vielleicht mochte sie jetzt gerade ein gebrochenes Herz haben, aber es musste hundert Typen geben, die schon Schlange standen, um bei ihr eine Chance zu haben. Typen mit Geld, mit Verbindungen und mit einer aussichtsreichen Zukunft.

Wieder gingen sie geraume Zeit am Strand entlang. Sie sprachen über Fußball, die letzten Spiele, in denen sie mitgespielt hatten. Gabe erzählte Brianne vom Boxen und wie er dazu gekommen war. Natürlich erzählte er ihr nicht die ganze Geschichte – nur dass ein Mann namens Sam ihn als Mentor unterstützt habe. Sie stellte all die richtigen Fragen, schien aufrichtig interessiert zu sein. Die meisten Mädchen, die er kannte, waren Hohlköpfe, süß, aber dumm. Sie war noch viel mehr als süß, und dazu blitzgescheit.

„Bist du nicht besorgt, dass du dir dein  Gesicht verletzen könntest?“

Er schaute sie überrascht an. „Was meinst du?“

War es seine Einbildung oder errötete sie tatsächlich?

„Nun ja, es ist nur so…ich meine…es tut mir leid. Ich will nicht, dass du dir eigenartig vorkommst.“

„Nein, schon okay.“

Sie zuckte die Achseln und errötete noch mehr. „Du bist ein gut aussehender Mensch. Machst du dir keine Sorgen, dass du dir durch das Boxen dein Gesicht ruinierst?“

Ohne eine Spur von Hinterlist oder anderem manipulativem Beweggrund hatte sie ihm ein Kompliment gemacht, und plötzlich wollte er vor Stolz die Brust herausstrecken, weil er wusste, dass sie ihn attraktiv fand. „Ach, das trägt nur zur Glaubwürdigkeit bei, dass man von der Straße kommt, und es gibt einem Mann etwas, womit er prahlen kann.“

Lachend rollte sie mit den Augen. „Ich schätze mal, wir sollten umkehren“, sagte sie. „Mom hat womöglich geplant, euch Jungs etwas auftischen zu wollen.“

Klang da etwas Bedauern aus ihrem Tonfall? Oder wollte er einfach nur glauben, sie hätte sich etwas in ihn verknallt?

Er nahm an, dass ihre gemeinsame Zeit bald vorbei sein würde, aber diese Zeit war so zauberhaft gewesen, während sie angedauert hatte, dass er versuchte, noch so viel wie möglich davon aufzusaugen, während sie zum Haus zurückgingen.

„Wo wart ihr zwei denn?“, fragte Jamie, als sie, nachdem sie die Stufen hinaufgestiegen waren, wieder beim Pool anlangten.

Bri lächelte Gabe an, dann ihren Bruder. Gerade als sie den Mund aufmachen wollte, um zu antworten, trat Jamies Mom auf die Veranda, zusammen mit einem Mann, der augenscheinlich Jamies und Briannes Vater war. Er hatte Brianne das wellige dunkle Haar vererbt und die dunklen Augen.

Jamies Mom rief ihr zu: „Brianne, hast du Eric schon begrüßt? Du hast seine Eltern bereits kennengelernt, weißt du noch, beim Wohltätigkeitsball in diesem Frühjahr? Die Davenports.“

„Ja, natürlich erinnere ich mich an Erics Eltern“, sagte Brianne.

„Eric, hast du vor, nächsten Monat das Wohltätigkeits-Polospiel zu besuchen?“, fuhr Jamies Mom fort.

Eric lächelte breit. „Ja, ich beabsichtige, dabeizusein.“

„Tatsächlich? Wie aufregend!“ Brianne brachte langsam die Hände zusammen und klatschte ein wenig Beifall. Ihr Blick driftete wieder zu Gabe. „Was ist mit dir, Gabe? Gehst du auch hin oder spielst du mit?“

Gabe hatte kein Interesse am Reiten und an Pferden. Außerdem war er sich ziemlich sicher, dass alles, was mit Wohltätigkeitsarbeit und reichen Leuten zusammenhing, etwas war, was er sich sowieso nicht leisten konnte. Er brachte ein angespanntes Lächeln zustande. „Nein, tut mir leid.“

„Ach.“ Sie blickte betreten auf ihre Hände.

Diese Handlung gab Gabe einen Stich, mehr als er wahrhaben wollte. Es war, als wäre eine Tür zwischen ihnen beiden zugeschlagen worden.

„Brianne wollte damit sagen, dass sie noch keinen Begleiter für diese Veranstaltung habe“, erklärte Frau Whitcomb. „Eric, du solltest sie begleiten. Das heißt, wenn es dir nichts ausmacht.“

Es war unmöglich zu übersehen, dass sich Briannes Augen in die ihrer Mutter bohrten. Gabe vermutete, dass Brianne nicht die Sorte Mädchen war, dem es gefiel, wenn jemand anders für sie eine Verabredung arrangierte – vor allem wenn die arrangierte Verabredung so deutlich ausgesprochen und Brianne damit in Zugzwang gebracht wurde. Er fragte sich, wie lange die Trennung wohl her war, dann fragte er sich, ob es falsch war, wenn er hoffte, dass sie noch nicht bereit für eine andere Beziehung sei. Zumindest nicht mit Eric. Bei diesem Gedanken spürte er einen Stich von Illoyalität.

Brianne schaute Gabe direkt an. Nahe ihrem Schlüsselbein sah er ihren Pulsschlag pochen, und in ihren Augen stand eine Frage, aber es war eine, die er nicht beantworten konnte. Er gehörte nicht in die Welt von Wohltätigkeits-Poloveranstaltungen und gigantischen Sommerhäusern, die eine ausgedehnte Sandfläche und den Ozean überblickten. Er war ein Kind der Straße, dessen einziges gutes Gewand aus einem Second-Hand-Jackett und einer dunklen Hose bestand. Auf der anderen Seite Eric; auch wenn Erics Eltern nicht vom großen Geld abstammten, so hatten sie es doch jetzt zu Reichtum gebracht, und Eric würde eines Tages das Vermögen seines Vaters erben.

„Ich würde dich wirklich gern begleiten“, sagte Eric, und dann machte er eine stilgerechte Verbeugung, was bei ihr erneut hell klingendes Lachen auslöste.

Das war genauso gut, redete sich Gabe ein. Brianne verdiente einen Typen wie Eric. Privilegiert. Mit guten Kontakten.

Einen, der ihr all die Dinge geben konnte, die sie verdiente.

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