Mit Dem Bodyguard Im Bett Auszug

Luke Indigo parkte sein Auto auf der gegenüberliegenden Straßenseite des HANG TOUGH CAFÉs, einem kleinen, aber feinen Lokal mit gutem Ruf, dessen Personal aus Ex-Knackis bestand, die ein neues Leben beginnen wollten, und das von einer abtrünnigen Nonne geführt wurde. Luke war auch schon früher im HANG TOUGH gewesen – dort gab es nämlich die besten carnitas von ganz Los Angeles. Es war ein großartiges Restaurant und gleichzeitig eine gute Sache, die es wert war, unterstützt zu werden. Dennoch war er verärgert, dass Katherine Bailey darauf bestanden hatte, ihn hier zu treffen anstatt im Büro von FRONTLINE Inc. Die Gegend galt als stark von Verbrechen heimgesucht, das Café zog ein raueres Klientel an, und der großzügige Sitzbereich im Freien grenzte an einen kleinen Park, was zwar ein überraschend angenehmes Ambiente darstellte, gleichzeitig aber auch ein Alptraum war, was die Sicherheit betraf.

Normalerweise wollten sich große Nummern der Filmbranche an ausgefalleneren Orten treffen, um mit ihrem Geld herumwerfen zu können und der Welt zu zeigen, wie gut sie es hatten. Indem Bailey ausgerechnet das HANG TOUGH CAFÉ gewählt hatte, wollte sie ihm vielleicht eine gewisse abfällige Botschaft senden – ich: reiche Berühmtheit und Schauspielerin; du: niederer Bodyguard, den ich nur treffe, weil mein Manager darauf besteht.

Andererseits könnte sie eventuell auch darauf hoffen, irgendein Paparazzo könnte sie zu Gesicht bekommen, der dann ihr Bild überall im Web verbreiten würde, oder sie stellte sich in wahrhaftiger, gebührender Hollywood-Manier vor, sie könnte lebenslang gratis carnitas bekommen, bloß weil sie einmal in diesem Café aufgetaucht war.

Es war völlig unmöglich, vorauszusagen, was die Reichen und Schönen dachten oder warum sie das taten, was sie taten. Aber nach all dem zu urteilen, was Luke je erlebt hatte, taten die Reichen und Berühmten niemals etwas, wenn es ihnen nicht zu ihrem Vorteil gereichte.

Nachdem Luke ausgestiegen war, entdeckte er Bailey sogleich. Sie saß vor dem Café, ganz nah beim Park. Laut ihrem Manager hatte sie während der letzten zwei Monate mehrere Todesdrohungen erhalten, dennoch saß sie einfach da draußen ohne jeglichen Schutz, jedem  ausgeliefert, der zufällig dort vorbeiging, und gab gleichzeitig auch eine vortreffliche Zielscheibe ab für eine Kugel, die aus irgendeinem der umliegenden Gebäude oder Straßen abgefeuert werden könnte.

Dumm! Dumm und arrogant, und in höchstem Grade unvorsichtig. Sie wäre ein wahrer Alptraum, wenn er sie bewachen müsste. Vielleicht sogar noch schlimmer als der Senator, der die Dienstkleidung einer Hausangestellten samt Perücke angezogen hatte, um sich hinauszuschleichen, während er angeblich schlief, und alles nur, um sich einen verdammten Hamburger reinzuziehen. Baileys Unvorsichtigkeit unterstrich die Notwendigkeit eines Bodyguards umso mehr, aber sie drückte auch in besonderem Maße aus, warum Luke so widerwillig war, den Job überhaupt anzunehmen.

Mehr als eine elende Nacht hatte er während seiner Laufbahn zugebracht, eine selbstsüchtige, verdorbene Berühmtheit zu beobachten. Die letzte neigte zu Wutanfällen und genoss es, jedem in Hörweite auszurichten, er solle sich runterbeugen, um ihren Arsch zu küssen, sich einzuschleimen. Eigentlich wollte sie, dass Luke mehr als nur ihren Arsch küsste. Als er das abgelehnt hatte, war sie zunächst hysterisch, dann feindselig geworden. Sie hatte angefangen, noch mehr solche Spielchen zu spielen, durch die sie nicht nur sich selbst, sondern auch Luke und seine Männer in Gefahr gebracht hatte. Luke erschauerte bei dem Gedanken daran. Es waren die vier längsten Wochen seines Lebens gewesen.

Mit einem gedämpften Fluch knallte Luke die Autotür zu, gerade als Bailey aufstand und sich streckte. Er legte selbst recht viel Wert darauf, gut gekleidet zu sein, denn er bevorzugte bei der Arbeit maßgeschneiderte Anzüge wie zum Beispiel den, den er gerade trug, aber ihr Outfit – ein weißer, einteiliger Hosenanzug mit weitgeschnittenen Hosenbeinen und einem Ausschnitt mit viereckigen Aussparungen – machte sie zu einer noch deutlicheren Zielscheibe. Gleichzeitig betonte dieses Gewand auch jeden einzelnen ihrer körperlichen Vorzüge, wie zum Beispiel ihre Wespentaille. Durch den Neckholder waren ihre Schultern als auch ihr Rücken bloß. Die keilförmigen Absätze ihrer eleganten Schuhe ergänzten ihr rank und schlankes Erscheinungsbild, und ihre überdimensionierte Sonnenbrille sowie der scharlachrote Lippenstift machten deutlich, wie sehr sie auf Aufmerksamkeit erpicht war, was ja nicht überraschend war angesichts ihrer Berufswahl. Das einzige, das nicht so angeberisch wirkte, sondern eher unauffällig war, war ihr Haar. Die roten Locken, die sie normalerweise offen und gewellt bis zu ihrer Taille fallen ließ, waren zu einem unordentlichen Zopf am Rücken zusammengebunden. Alles an ihr schrie förmlich Sexgöttin und zog die Augen aller auf sie.

Auch Lukes niedere Instinkte wurden angezogen. Gott, sie sah fantastisch aus!

Obwohl er versuchte, sich aufs Geschäftliche zu konzentrieren, auf ihre Sicherheit, wurde er auf einmal von dem Drang überwältigt, diese roten Wogen aus ihrem Zopf zu lösen und seine Fäuste mit jenen Flechten zu umwickeln, während er ihre vollen Lippen küsste. Er wollte seine Zunge in die heißen, nassen Nischen ihres Mundes tauchen, während ihr Körper sich an seinen schmiegte. Fast konnte er ihre Hitze und Weichheit spüren, die harten Bögen ihrer Rippen und die sanfte Biegung ihrer Taille.

Kopfschüttelnd ging Luke zum Gehsteig und hielt am Straßenrand an, um auf das Grün der Ampel zu warten und eine plötzlich auftauchende Motorradgruppe vorbeizulassen. Bailey hatte aufgehört, sich zu strecken, blieb aber mit starrendem Blick Richtung Park stehen. Luke blickte schnell in dieselbe Richtung, sah aber nichts Ungewöhnliches, dann kehrte sein Blick wieder zu ihr zurück. Er ballte seine Hände zu Fäusten, als ihn noch ein weiterer Anfall starker Begierde überkam.

Luke hatte Berichte zu den Nacktfotos gelesen, die im Internet kursierten, angeblich in Umlauf gebracht von ihrem früheren Regisseur und betrügerischen Ex-Freund, Ray Hamilton, aber er hatte sie nie angeschaut. Seine Vorstellungskraft jedoch, zusammen mit der Titelseite eines Boulevardblattes, Schnappschüsse von ihr im Bikini am Strand, die er gesehen hatte, ließ ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. Verdammt! Liebend gern würde er eine ihrer vollen Brüste in seinen Mund saugen und ihre harte Brustwarze spüren, seine Hand zwischen ihre Beine wandern lassen und ihre nassen Tiefen erforschen.

Scheiße!

Da war er jetzt doch recht stark vom Thema abgekommen. Er befand sich hier in seiner Funktion als Bodyguard. Sie war eine potentielle Klientin, nicht ein potentieller Fick. Ihr Aussehen und ihre intuitive Sinnlichkeit waren nicht von Bedeutung. Seine Reaktion auf sie war nicht von Bedeutung. Was wirklich von Bedeutung war, war, die notwendige Information zu bekommen, um zu entscheiden, ob er den Job, Kat Bailey zu beschützen, überhaupt annehmen wollte.

Die Ampel schaltete auf Grün, und Luke überquerte die Straße, sich seiner Waffe, die er im Schulterholster mit sich trug, sehr bewusst. Alles und jeder konnte eine Bedrohung darstellen, und er würde schnell handeln müssen, um zu ihr zu gelangen, falls dies nötig wäre.

Ein blonder, ziemlich verdreckter Labrador, der einen Stock in seinem Maul trug, rannte aus dem Park auf sie zu. Der Hund kam zum Stehen und platzierte seine großen, schmutzigen Pfoten direkt vorne auf Baileys blütenweißer Hose.

Luke wartete darauf – auf den Aufschrei samt Wutanfall, der einfach kommen musste, das wusste er – aber stattdessen warf sie den Kopf zurück und lachte. Hingebungsvoll kraulte sie den Hund hinter den Ohren, und ihre warme Altstimme war trotz des Verkehrslärms zu verstehen.

„Was für ein guter Junge. Du bist ein prima Kerl, nicht wahr? Doch, das bist du. Komm, wir spielen! Willst du spielen?“

Warum zum Teufel regte sie der Dreck, der ihre tollen Klamotten jetzt verunstaltete, nicht auf? Und, Menschenskind, diese Frau schaffte es, dass sich ein paar einfache, gesummte Koseworte für einen Hund anhörten wie eine Einladung, mit ihr ins Bett zu gehen.

Mit einem innerlichen Ach egal, scheiß drauf schüttelte er den Kopf, fest entschlossen, sich von dem Zauber der lockenden Sirene, den sie aus mehr als drei Meter Entfernung über ihn ausgebreitet hatte, loszureißen. In dem Moment wurde Luke klar, dass er selbst vermutlich nicht recht viel anders aussah als dieser hechelnde Hund. Er starrte sie ja praktisch wie ein geiler Jugendlicher mit verträumt-versonnenem Blick an.

Und er war nicht der einzige. Mittlerweile hatte sie die Aufmerksamkeit aller Männer um sich herum erregt, einschließlich eines Obdachlosen, der vom Park auf sie zukam.

Luke beschleunigte seinen Schritt. Als der Hund plötzlich Richtung Straße schoss, weg von da, wo Luke stand, stieß Bailey einen schrillen Schrei aus und rannte ihm hinterher.

Verdammt! Im Versuch, den Hund zu beschützen, würde sie sich noch selbst in Gefahr bringen. Luke stürzte hinter ihr her, obwohl er wusste, er könnte zu spät dran sein, und weil er sich selbst verabscheute, so von ihrer Schönheit abgelenkt worden zu sein. Er rannte wirklich schnell, war aber immer noch ein Stück entfernt, als ein paar Autos nur Zentimeter vor ihr scharf  bremsend zum Stehen kamen. Ohne überhaupt zerzaust zu sein, nahm sie den Hund am Halsband, lächelte und winkte dem Fahrer zu. Dann führte sie den Hund zu dem Obdachlosen.

Lukes Herz hämmerte in seiner Brust. Was für eine absolute Idiotie! Am liebsten würde er sie übers Knie legen und ihr wegen ihrer Unvorsichtigkeit den Hintern versohlen. Dann würde er sie gleich nochmal verhauen, aber nicht, um sie zu bestrafen. Sondern um ihnen beiden Vergnügen zu bereiten.

Eine Schweißperle lief an seiner Schläfe entlang. Ach, verdammt! Die Vorstellung, Kat Bailey zu verhauen, war so reizvoll, dass sein Schwanz hart geworden war, so hart, dass an der Vorderseite seiner Hose eine deutliche Wölbung zu sehen war.

Das gab den Ausschlag.

Er konnte den Job, als ihr Bodyguard zu fungieren, nicht annehmen. Er hatte noch nicht einmal mit dieser Frau gesprochen und merkte bereits, wie sie ihn mehr als magisch anzog. Solch ein besitzergreifendes Gefühl, das er gerade empfand, ergab überhaupt keinen Sinn und würde einer Klientin/Bodyguard-Beziehung bloß im Wege stehen.

Er sah zu, wie der Obdachlose seinen Hund abholte, mit Bailey ein paar Worte wechselte und dann wieder Richtung Park ging. Als die beiden weg waren, nahm Kat Bailey wieder ihren Platz ein. Luke begab sich außer Hörweite, dann zog er sein Handy heraus.

Baileys Manager nahm beim ersten Klingeln ab.

„Charlie, hier ist Lucas Indigo.“ Er legte Wert darauf, bei der Arbeit immer seinen vollständigen Vornamen zu verwenden; Luke war für Familie und Freunde reserviert.

„Indigo, sollten Sie sich jetzt im Moment nicht gerade mit Kat Bailey treffen?“

Luke behielt die Schauspielerin im Auge, und nicht nur weil irgendwer sie in den nächsten paar Minuten umbringen könnte, sondern weil er seinen Blick irgendwie nicht losreißen konnte. Sein Schwanz pochte wieder und erinnerte ihn auf schmerzhafte Weise daran, warum dieser Anruf notwendig war. „Etwas Unvermeidliches ist dazwischengekommen. Bitte richten Sie ihr meine Entschuldigung aus, aber ich sehe mich nicht in der Lage, sie momentan als Klientin anzunehmen.“

Charlie seufzte. „Das ist enttäuschend. FRONTLINE Inc. Sind die Besten in der Branche. Das war der einzige Grund, warum sie mit diesem Treffen einverstanden war.“

„Ich bedaure, ablehnen zu müssen. Rufen Sie Guy Myers von Myers International an! Mit ihm habe ich zuvor zusammengearbeitet, und er hat kompetentes, professionelles Personal. Sagen Sie ihm, ich hätte Ihnen diese Firma empfohlen.“  Klar, FRONTLINE Inc. war gerade im Begriff, seinen Kundenstamm aufzubauen, vor allem jetzt, da sie auch nach San Francisco expandierten, aber Myers International würde auch gut für Kats Sicherheit sorgen können.

„Sind Sie sich da wirklich sicher? Wir könnten Ihnen mehr als das übliche Honorar bezahlen…“

„Ich bin nicht hinter mehr Geld her. Ich kann nur diesen Auftrag nicht annehmen.“

Charlie seufzte tief. „Na schön. Ich rufe nun lieber Kat an und teile ihr dies mit.“

Luke legte auf. Er beobachtete, wie Bailey ihr Handy zur Hand nahm und dann die Stirn in Falten legte, angesichts dessen, was der Anrufer ihr sagte. Danach warf sie das Handy zurück in die Handtasche. Anstatt ihre Sachen zusammenzupacken und aufzubrechen, lehnte sie sich zurück und fuhr fort, ihren Kaffee zu trinken. Hin und wieder lächelte sie ohne erkennbaren Grund, wenn auch irgendetwas an diesem Lächeln ein wenig gezwungen aussah. Bald näherten sich ihr ein älteres Ehepaar mit zwei Jungen im Teenageralter, die einen aufgeregten Eindruck machten. Die Jugendlichen rempelten einander an. Kat nahm die Sonnenbrille ab. Die Jungs unterhielten sich ein paar Sekunden, und dann stellte sich der eine Junge hinter sie, während der andere ein Foto mit seinem Handy machte. Nun tauschten sie Platz, und ein weiteres Foto wurde geschossen, ehe die Jungs grinsend von dannen zogen.

Kat Bailey war ihren Fans gegenüber recht liebenswürdig, was Luke überraschte. Seiner Erfahrung nach waren die meisten Stars nicht so, außer es waren Kameras in der Nähe, die den Moment einfingen, um die Öffentlichkeit beeindrucken zu können. Mit Fans redeten sie generell nicht, und erst recht ließen sie keine Bilder mit sich machen. Der Großteil aller Stars, mit denen er zu tun gehabt hatte, hatte verrückte Regeln für die Interaktion mit Menschen aufgestellt. Er hatte auch einmal für einen Mann gearbeitet, der von seinem Personal verlangt hatte, absolut keinen Augenkontakt herzustellen, und dass jeder, der sein Geschirr berührte, Handschuhe tragen musste.

Kat Bailey steckte voller Überraschungen und war obendrein auch noch sexy. Luke wollte gern mehr über sie erfahren. Aber das würde nicht passieren. Trotz ihrer Wirkung auf seinen Körper hatten sie nichts gemeinsam. Sie mochte ihn überrascht haben, wie bodenständig sie anscheinend war, aber er hatte schon mehrere berühmte Schauspielerinnen getroffen, und sie waren alle kapriziöse Diven gewesen. Sie waren diejenigen, die in Restaurants zigmal ihre Gerichte zurückgehen ließen und die wegen unsinnigen Kleinigkeiten die Augen verdrehten. Sie waren diejenigen, die in ihren angeberischen ,schaut mich an‘-Kleidern an der Bar saßen, sich aber gereizt verhielten, wenn jeder Mann am Platze sie abzuschleppen versuchte. Sie waren diejenigen, denen man schwer widerstehen konnte, die in die Herzen der Männer stolzierten, ehe diese wussten, wie ihnen geschah, beherzt und unwiderstehlich mit dem Selbstvertrauen von zehn Laufsteg-Schönheiten. Aber letzten Endes? Waren sie schwierig. Manipulativ. Entzogen sie jedem Zimmer den Sauerstoff.

Nein danke.

Falls jemals die Zeit kommen würde, da Luke bereit wäre, sich zu binden und eine Familie zu gründen, würde er eine viel unkompliziertere Frau wollen, eine, die natürlich attraktiv, intelligent und freundlich war, nicht so selbstgefällig und egozentrisch. Eine, die seine Meinungen und Fähigkeiten respektierte.

Bailey war zu umwerfend und zu berühmt. Die verschiedenen Welten, aus denen sie beide stammten, würden sich nicht gut vereinbaren lassen. Und vor allem, obwohl sie süchtig nach dem Platz im Rampenlicht war, nahm sie ihre Sicherheit nicht ernst.

Und das war etwas, was Luke niemals akzeptieren könnte.

 

* * *

 

Vor dem HANG TOUGH CAFÉ posierte Kat Bailey mit zwei jugendlichen Fans für Fotos, während sie mit eiserner Willenskraft ihrem Herz befahl, langsamer zu schlagen.

Du hast es eben, Kat. Dies ist nur eine kleine Panikattacke. Sie wird vorübergehen.

Und tatsächlich, bis die Bilder gemacht waren und die Familie mit gemurmelten Dankesworten abgezogen war, hatte Kat es geschafft, ihre Fassung wiederzugewinnen.

Sie trank einen Schluck Kaffee und registrierte erfreut, dass ihre Hand nicht zitterte. Und doch, allein die Tatsache, dass Charlies Anruf ihre Angstzustände überhaupt wieder angestachelt hatte, beunruhigte sie. Genauso wie die Tatsache, dass sie Angst verspürt hatte, als sie bei dem Café angekommen war. Es war noch nicht lange her, dass sie gedacht hatte, sie hätte dies alles hinter sich. Trotz der Anforderungen ihres Jobs und des Erscheinungsbildes, das sie nach außen hin abgeben musste, hatte sie jahrelang keine Angstzustände mehr gehabt. Aber dann kamen der öffentliche Skandal mit Ray und die Morddrohungen durch einen seiner Fans, was die Rückkehr ihrer Angstzustände ausgelöst hatte. Sie war jedoch fest entschlossen, sich dadurch nicht davon abhalten zu lassen, ein normales Leben zu führen – nun ja, so normal wie eine berühmte Schauspielerin es eben führen konnte. Das war auch der Grund gewesen, warum sie entschieden hatte, den Bodyguard hier zu treffen. Sie wollte den neutralen Ort zu ihrem Vorteil nutzen, damit sie sich diesem Meeting besser gewachsen fühlte, klar, aber auch um zu beweisen, dass sie immer noch draußen in einem Café sitzen konnte wie jeder andere x-beliebige Mensch auch, ohne dass irgendetwas Schreckliches geschah.

Allerdings war sie nicht dumm.

Sie hatte Unterstützung, nur für den Fall, dass sich die Dinge zum Schlimmsten wandelten.

Prüfend suchte sie den an das Café angrenzenden Park ab und lächelte, als sie den obdachlos wirkenden Mann entdeckte, der mit seinem Hund spielte. Als sie seinen Blick auffing, winkte sie ihm zu. Er nickte und steuerte auf sie zu.

Der Hund, ein blonder Labrador namens Mamie, erreichte sie als erstes. Anstatt wieder an Kat hochzuspringen, setzte Mamie sich brav neben sie und hechelte glücklich. Kat kraulte sie hinter den Ohren. „Da bist du ja wieder, süßes Mädchen. Fertig mit Spielen?“

Der Obdachlose – der überhaupt nicht obdachlos war, sondern ihr Bekannter Ben, ein Schauspieler, der seine Rolle gut spielte – kam zu ihrem Tisch heran, warf sich auf den Stuhl ihr gegenüber und seufzte. „Tja, also ich bin fertig mit Spielen. Völlig erledigt. Schauspielern nach der Strasberg-Methode ist absolut schrecklich!“, sagte er und streckte seine langen Beine von sich. „Ich mache das jetzt schon stundenlang, und mein Gesicht juckt wie verrückt.“

Kat legte den Kopf schräg und musterte ihn. „Der Bart sieht doch großartig aus. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich schwören, er wäre echt.“

Ben zerrte an seinem unechten Gesichtshaar. „Danke. Ich wünschte bloß, sie hätten nicht erst zwei Wochen vor dem Beginn der Dreharbeiten entschieden, mir die Rolle zu geben. Dann hätte ich mir einen echten Bart wachsen lassen können.“

„Aber Sergio kann doch echtes Gesichtshaar nicht leiden“, stichelte Kat.

Ben riss die Augenbrauen bis zum Haaransatz hoch. „Sergio hat sich auch letztes Jahr von mir getrennt – ohne mir zu sagen warum, wohlgemerkt – nur damit er auf überzeugende Weise einen Charakter darstellen konnte, der inmitten einer depressiven Phase steckt. Glaube mir, er würde es nicht wagen, sich nun darüber zu beklagen!“

Bei der Erinnerung, wie am Boden zerstört Ben gewesen war, als Sergio sich plötzlich von ihm getrennt hatte, zuckte Kat zusammen. Fast einen Monat hatte Sergio gebraucht, Ben zu überzeugen, dass alles Teil seines Entwicklungsprozesses für die Rolle gewesen war und er sich wieder mit ihm versöhnen wollte. Gott, Schauspieler waren schon ein verrücktes Pack!

Gedankenverloren zupfte Kat an einer Strähne von Bens ungekämmtem Haar. Was für seltsames Paar sie abgaben! Er: schmuddelig und bärtig; sie: im weißen Designer-Hosenanzug mit den Schmutzflecken der Pfotenabdrucke, wo Mamie sie vorhin angesprungen hatte. Kat war sich mehr als albern vorgekommen, diesen Hosenanzug für das Meeting zu tragen, aber das Fotoshooting, das vor dem Termin mit dem Bodyguard auf dem Plan gestanden hatte, hatte länger gedauert. Und so hatte sie beschlossen, lieber als die Sorte von Diva aufzutreten, die zu einem geschäftlichen Meeting ausgefallene Klamotten trug, als die Sorte von Diva, die nicht termingerecht erschien.

„Also“, sagte sie, „ich für meinen Teil freue mich sehr, dass sie dich mit ins Boot geholt haben. Vor einem Jahr hast du noch Werbung für Produkte gegen Magenverstimmungen gemacht, und schau dich jetzt mal an, du trittst in einem Fernseh-Drama auf, das das Zeug hat, zu einer Serie ausgeweitet zu werden.“

Ben nickte. „Ich bin schon recht begeistert, glaube mir. Es dauert nur seine Zeit, bis ich mich an diese Aufmachung gewöhnt habe. Doch genug davon. Wo ist der Bodyguard?“

„Hat abgesagt.“

„Mist!“ Ben betrachtete sie eingehender. „Fühlst du Angst?“

„Nein“, antwortete Kat automatisch.

Er hob eine Augenbraue.

Kat wollte etwas erwidern, ließ es aber bleiben und zuckte die Achseln. „Du hast schon immer mein Spiel durchschaut, wie damals an der High School“, grummelte sie.

„Warum also willst du mich hinters Licht führen?“

„Gewohnheit.“

„Nein, du nimmst dir lediglich die Lektionen deines Vaters zu Herzen. Lass sie niemals merken, dass dir der Schweiß auf der Stirn steht, stimmt’s?“

Kat schnaubte. „Mir stand oft genug der Schweiß auf der Stirn. Lange bevor ich diese verwelkten Blumen vor meiner Tür gefunden habe. Ich verstehe immer noch nicht, wie diese Person auf mein Grundstück gelangen konnte, um sie dort abzulegen. Was ist der Sinn und Zweck von Sicherheitsvorkehrungen, wenn sie so leicht überwunden werden können?“

Ben nahm ihre Hand. „Das wird dir mit einem Bodyguard nicht passieren. Ein ausgewiesener Fachmann wird niemanden so nah an dich rankommen lassen. Jetzt erzähl mir mal, warum der Typ, mit dem du diesen Termin hattest, abgesagt hat!“

Kat erwiderte Bens Händedruck. „Charlie sagte bloß, dass dieser Mister Indigo den Auftrag abgelehnt hat und uns eine andere Firma empfohlen hat. Vielleicht ist das ja ein Zeichen.“

„Wofür? Du brauchst einen Bodyguard.“

„Nicht, wenn ich gehe“, sagte sie leise.

Er blinzelte. „Wie bitte?“

Sie schluckte schwer, da sie nicht sicher war, ob sie ausdrücken konnte, was sie sich in letzter Zeit überlegt hatte, aber es war ja Ben. Schließlich sagte sie: „Ich brauche einen Leibwächter, weil ich mich im Fokus der Öffentlichkeit befinde. Weil ich eine berühmte Schauspielerin bin. Weil mein Ex-Freund mich betrogen und Oben-Ohne-Fotos von mir veröffentlicht hat. Und weil einer seiner verrückten Fans sich als die geschädigte Partei betrachtet und nun mir weh tun will. Aber wenn ich gehe, wenn ich…“

„Wenn du was? Willst du nicht mehr hinausgehen, sondern dich in deinem Apartment verbarrikadieren? Ich dachte, du warst fest entschlossen, nicht so zu werden wie deine Mutter?“

Kat warf ihm einen finsteren Blick zu und entzog ihm ihre Hand. „Ich werde nicht so werden wie meine Mutter. Aber ich will auch kein Leben, in dem ich einen Leibwächter brauche, der mich beschützt.“

„Aber momentan musst du diese Todesdrohungen ernst nehmen. Das heißt nicht, dass du immer Schutz brauchen wirst. Selbst wenn…du liebst die Schauspielerei. Und Tatsache ist, du bist berühmt. Du hast hart dafür gearbeitet, berühmt zu werden. Du kannst nicht einfach all dies wegwerfen, nur weil du dich nicht auf jemand anderen verlassen willst, der dich beschützt.“

„Aber ich will mich nicht auf jemand anderen verlassen“, sagte Kat. „Sich auf andere zu verlassen, die mich beschützen, wird dazu führen, dass ich unvorsichtig werde. Damit geht auch diese andere Person ein Risiko ein. Ich würde lieber meine eigenen Risiken eingehen, und wenn etwas geschieht, dann soll es eben so sein. Wenigstens war es dann mein eigenes Zutun und trifft nur mich.“

„Aber es ist der Job eines––“

„Niemand erwartet, dass es geschieht, Ben, aber es könnte sein. Irgendjemand könnte verletzt werden. Oder getötet. Wegen mir. Und ich weiß nicht, ob ich damit leben könnte, wenn  so etwas geschehen würde.“

„Wenigstens wärst du dann am Leben, um es herauszufinden!“, schnauzte er sie an. „Und wenn du jemanden anheuerst, der gut genug ist, wird niemandem etwas zustoßen. Das ist der Punkt.“

Kat zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber es sieht so aus, als habe der Beste der Besten den Job weitergereicht. Jetzt muss ich entscheiden, ob ich die zweitbeste Firma anheuern will.“

„Da gibt es nichts zu entscheiden. Du weißt, dass du es tun musst, Kat. Mach jetzt keinen Rückzieher, Kat!“

Sie starrte ihn an. Sah seine feste Entschlossenheit und merkte, wie diese auf sie überging. Nur selten verlor Ben die Geduld mit ihr oder wurde rechthaberisch, aber nun war er ernstlich besorgt. Und er hatte Recht, sich Sorgen zu machen, selbst wenn sie sich wünschte, es wäre nicht so – diese Lieferung verwelkter Blumen vor ihre Haustür war Beweis genug dafür.

„Ich will nur mein Leben leben. Ist das zuviel verlangt?“

„Natürlich nicht. Aber wir haben alle unsere Lasten zu tragen, Schätzchen. Wir verlassen uns auf unsere innere Stärke und auf jene, die uns nahe stehen, um uns beizustehen. So wie du heute Abend mir Gesellschaft leisten wirst, weil Sergio nicht da ist…“

Kats Mund zuckte. „Und morgen wirst du mitkommen, um meine agoraphobische Mutter zu besuchen. Du bist ein wahrer Freund, in der Tat.“

„Ach, hör auf! Ich mag deine Mutter gern und freue mich, sie zu sehen.“

„Ich weiß. Und sie freut sich, dich zu sehen, mehr als sie sich manchmal auf mich freut.“

Ben grinste und zwinkerte, und die Last auf ihrem Herzen wurde leichter.

„Es liegt am Käsekuchen“, sagte er. Ungefähr einmal im Monat besuchte Ben zusammen mit Kat deren Mutter. Außer Kat war er der einzige Mensch, den sie ins Haus ließ, und bei jedem Besuch brachte er selbstgebackenen Käsekuchen mit.

„Ich weiß. Und darum liebe ich dich“, neckte ihn Kat. „Darum und weil es mir gefällt, mit Sergio abzuhängen und mit Mamie zu spielen.“

Bei der Erwähnung ihres Namens hob Mamie den Kopf und leckte Kats Hand. Kat brachte ihr Gesicht nah an die Schnauze des Hundes, und sie schmiegten die Nasen aneinander. „Ich glaube, ich brauche eher einen Hund als einen Bodyguard.“

„Schätzchen, was du brauchst, ist ein Mann.“

Mit finsterem Blick richtete Kat sich auf. „Du weißt schon noch, was passiert ist, als ich letztes Mal einen Mann hatte, oder?“

„Ray ist ein Schwachkopf. Du darfst dich durch das, was er dir angetan hat, nicht hindern lassen, dein Leben zu leben und Spaß zu haben. Wenn du das tätest, hätte er gewonnen. Außerdem musst du ja nicht gleich eine Beziehung eingehen. Such dir einen heißen Typen, nimm ihn mit nach Hause, vögele mit ihm bis zur Besinnungslosigkeit und schick ihn dann weiter! Falls er einen knackigen Arsch hat, gib ihm noch einen Klaps drauf, wenn er zur Tür rausgeht!“

Kat schüttelte den Kopf. „Danke für den Tipp, aber das ist nichts für mich. Ich will keinen Mann, der einfach nur eine berühmte Schauspielerin vögeln will. Und das wäre alles, was es wäre.“

„Du täuschst dich, wenn du glaubst, die Männer würden nur deswegen mit dir ins Bett gehen, weil du eine berühmte Schauspielerin bist. Denk mal darüber nach: Finde einen Mann, der dich beschützt und einen Mann zum Vögeln! Vorzugsweise bevor ich für den Beginn der Dreharbeiten abreise. Mir ginge es besser, wenn ich wüsste, dass sich jemand gut um dich kümmert.“

Kat zog die Nase kraus. „Ich will nicht, dass du nach Connecticut gehst. Ich werde dich vermissen.“

„Ich werde dich auch vermissen. Und wie! Aber du kannst mich jederzeit in MYSTIC besuchen kommen.“

„Kommt Sergio mit dir mit?“

„Machst du Witze? Er würde mich niemals dreitausend Meilen ohne ihn wegfahren lassen. Er will sich um mich kümmern, und im Gegensatz zu dir, kann ich die Vorzüge erkennen, die es mit sich bringt, wenn man einen Mann das tun lässt.“

„Tja, mit Sergio hast du das große Los gezogen. Ihn gibt es nur einmal!“

Ben nahm noch einmal ihre Hand. „Ich habe zweimal das große Los gezogen.“

Kat spürte, wie ihr die Bewunderung gut tat. „Vielen Dank für alles. Du hast mir liebevolle Strenge entgegengebracht, doch jetzt bin ich an der Reihe. Zurück an die Arbeit! Ich werde nach Hause gehen und alles für unseren Filmeabend vorbereiten. Aber…“ Sie stieß den Atem aus, dann fügte sie hinzu: „Aber erst, nachdem ich Charlie gesagt habe, er solle einen Termin mit der anderen Bodyguard-Firma vereinbaren.“

Ben grinste. „Das ist mein Mädchen!“

Als er mit Mamie wieder Richtung Park ging, schaute Kat auf die Uhr. Wenn sie noch fünf Minuten wartete, wäre sie eine halbe Stunde im Café gewesen, und bis auf die kurzzeitige Panikattacke, die sie bei Charlies Anruf verspürt hatte, hatte sie eine angenehme Zeit verbracht. Wie Ben schon vorher gesagt hatte, hatte sie dies zum Teil ihrem Vater zu verdanken. Trotz ihrer Angstgefühle hatte sie selbstsicher gehandelt. Sie hatte gelächelt. Und sie hatte überlebt.

Fake it till you make it, nicht wahr, Papa? Mit gespieltem Selbstvertrauen zu echtem Selbstvertrauen.

Im Unterschied zu Richard Bailey, der nicht an Angstzuständen gelitten hatte, hatten sowohl Kat als auch ihre Mutter dieses Leiden. Und trotz Belastung und langer Arbeitsstunden, die er als Kongressabgeordneter zu meistern gehabt hatte, hatte er viel Zeit und Geduld für sie erübrigt, hatte ihnen Fertigkeiten und Tricks beigebracht, wie sie sich selbst ablenken und selbstbewusster auftreten konnten.

Das war die wichtigste Lektion gewesen, die Kat von ihrem Vater gelernt hatte, ehe er gestorben war: Wenn sie selbstbewusst auftrat, würde sie sich auch selbstbewusst fühlen, und die Menschen würden dementsprechend reagieren.

„Dadurch, dass sie unsicher erscheinen, werden die meisten Menschen zu Opfern, Kat“, hatte ihr Vater gesagt. „Wenn du Selbstvertrauen ausstrahlst, werden dich die Menschen die meiste Zeit in Ruhe lassen.“

Kat war sehr gut darin geworden, Selbstvertrauen auszustrahlen. Sie hatte es jahrelang getan, und konnte im Endergebnis nun auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken. Eine Karriere, die sie nicht kampflos aufgeben würde.

Ben hatte Recht. Nicht was das Finden eines Mannes zum Vögeln anbetraf, sondern damit, dass sie ihre Karriere, für die sie so hart gearbeitet hatte, liebte. Und dass sie jemanden finden musste, der sie als Person beschützte – vorübergehend – bis dieser ganze Spuk vorüber war. Es würde ihr nicht gefallen, aber sie würde sich schon irgendwie damit arrangieren.

Sieben Minuten später packte sie ihre Sachen zusammen. Sie hängte sich ihre Umhängetasche über die Schulter und begab sich zur Tiefgarage, wo sie ihren Wagen abgestellt hatte. Fürs Erste würde sie sich darauf konzentrieren, den besten Bodyguard zu engagieren, den es gab, auch wenn dieser eigentlich technisch gesehen der Zweitbeste war.

Keine große Sache, Mister Indigo! Ich habe heute überlebt. Ich werde weiterhin überleben. Ob mit Ihnen oder ohne Sie.

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