Mit Dem Besten Freund Im Bett Auszug

Mit einem Familiennamen wie O’Roarke hätte sich Annie in Finnegans Pub eigentlich wie zu Hause fühlen sollen. Stattdessen fühlte sie sich eher wie ein Kätzchen, das versuchte, es mit einem Löwenrudel aufzunehmen. Auf dem Ledersitz ihres Barhockers sitzend, schob sie ihre Brille auf ihrer Nase höher hinauf, trank noch einen Schluck Mineralwasser und sah mit großen Augen zu, wie ihre Freundin Paige am Ende der überfüllten Bar von zwei attraktiven Feuerwehrmännern eingerahmt wurde.

Einem Kätzchen ähnelte Paige nicht. Vielmehr der Königin des Dschungels. Denn sie war groß gewachsen, sah exotisch auf und trug gern lederne Hosen, hochhackige Stiefel und Tops, die ihre muskulösen Oberarme deutlich zur Geltung brachten. Noch wichtiger war, dass sie Trägerin des schwarzen Gürtels war und sich deshalb mit Selbstsicherheit und Arroganz bewegte. Momentan trug sie ein ultrawinziges, kleines Schwarzes und flirtete auf Teufel komm raus mit ihren beiden Bewunderern. Keck warf sie das Haar zurück und mit witzigem Geplänkel um sich wie ein Profi.

Vor einigen Monaten hatte Annie Paiges neuen Freund kennen gelernt, nachdem Paige von Seattle nach San Francisco gezogen war. Sie und Annie waren beide Krankenschwestern im örtlichen Krankenhaus, hätten jedoch nicht unterschiedlicher sein können.

Und das ist auch der Grund, warum sie sich dort drüben in männlicher Aufmerksamkeit sonnen kann und ich ganz für mich allein hier in meiner Ecke sitze, dachte Annie.

Aber egal.

Wenn es um soziale Situationen ging, war Annie gewohnt, das Mauerblümchen zu sein, aber in anderen Facetten ihres Lebens war es nicht so. Wenn sie in der Arbeit war, mit ihren Freundinnen abhing oder allein mit einem Mann zusammen war, den sie gut kannte, plauderte sie und bewegte sich ungezwungen. Nur wenn sie Fremde um sich hatte, dann verwandelte sie sich mental in irgendjemand anderen – jemanden, der sich ziemlich so verhielt wie sie, als sie im Highschool-Alter gewesen war – das Mädchen mit Akne, Zahnspange und Wuschelkopf. Jemand, der nicht bemerkt werden will. Jemand, der es nicht erwarten konnte, in die Gemütlichkeit des eigenen Zuhauses zurückzukehren.

Und da wäre sie jetzt auch, wenn sie nicht ihren besten Freund, Ryan Hennessey, so sehr anhimmeln würde. Als sie auf die Uhr blickte, stellte sie fest, dass der Typ zu seiner eigenen Abschiedsfeier schon dreißig Minuten zu spät kam.

Sie hatte Ryan vor acht Jahren als Student im zweiten Studienjahr kennen gelernt. Er war ziemlich beliebt gewesen, einer der besten Spieler der Unimannschaft in American Football und absolut atemberaubend. Mit der Zeit hatte sich sein Sex-Appeal nur umso mehr ausgeprägt. Sie war sich todsicher, dass er jedes Mal, wenn sie ihn sah, noch besser ausschaute, dennoch war er im Umgang mit ihr immer so wundervoll vertraut.

Er und mehrere andere Feuerwehrmänner, einschließlich der beiden, die nun mit Paige redeten, waren auf dem Sprung, für zwei Monate in die nordkalifornischen Rotwälder zu einem ausgedehnten Trainingslager aufzubrechen. Ryan war recht aufgeregt wegen des Trainings, das er als Feuerspringer erhalten würde; das war ein Feuerwehrmann, der sich gewissermaßen vom Himmel in ein Feuer fallen ließ, um in erster Verteidigungslinie das Feuer zu bekämpfen. In letzter Zeit redete er von nichts anderem mehr, und so sehr sich Annie auch für ihn freute, sie würde ihn dennoch wie verrückt vermissen. Normalerweise besuchten sie sich gegenseitig mehrmals die Woche, einfach um Filme anzuschauen oder einander Essen zu kochen, obwohl solche Aktivitäten bereits beträchtlich zurückgegangen waren, wenn einer von ihnen beiden sich ernsthaft mit jemand anderem verabredete, so wie er es im Moment tat.

Annies Herz zog sich schmerzhaft zusammen, wenn sie an Ryans neueste Freundin Samantha Heavensworth dachte.

Wenn Ryan nicht vom Feuerspringen sprach, redete er unweigerlich über Samantha.

Zu Beginn des neuen Jahres hatte Ryan sie Samantha vorgestellt, und Annie hatte sofort bemerkt, wie perfekt die beiden zusammenpassten. Natürlich war Samantha unübertroffen fantastisch. Mit strahlenden grünen Augen, einem Wasserfall von goldenem Haar und einer tollen Figur, Wespentaille inklusive, ähnelte sie einer Kreuzung zwischen einer Märchenprinzessin und einer Pole-Dancer-Barbiepuppe. Aber sie war auch sprachgewandt, klug und freundlich. Die Frau war Tierärztin und kümmerte sich den ganzen Tag lang um Tiere, dennoch hatte Annie sie noch nie anders als perfekt gestylt wie für die Titelseite eines Hochglanzmagazins gesehen. Wenn man dann noch dazuzählte, dass sie Weltklasse-mäßig kochen konnte und alles, was Aktivitäten im Freien waren, liebte, so wie Ryan auch, dann wäre Annie wirklich überrascht, wenn diese Frau nächstes Jahr um dieselbe Zeit nicht Ryans Ring am Finger stecken hätte.

Nicht, dass er verlauten hätte lassen, dass es ihm mit Samantha dermaßen ernst wäre. Aber über die Jahre hatte Annie die meisten von Ryans Freundinnen kennen gelernt, und angesichts der Frauen, von denen er sich angezogen fühlte, war es immer offensichtlicher geworden, dass sich Ryans Verabredungen einem Wandel unterzogen; vom Treffen, um sich zu amüsieren, entwickelte es sich zum Verabreden, um die Frau zu finden, mit der er sich letztendlich niederlassen wollte.

Der Gedanke, dass Ryan heiraten würde, verursachte in ihrem Magen ein schmerzhaftes Brennen und dass sich ihre Kehle zusammenschnürte.

Komm darüber hinweg, Annie! Eines nicht allzu fernen Tages wirst du eben von der drittwichtigsten zur viertwichtigsten Frau in Ryans Leben degradiert werden. Was soll’s? Seine Mutter und seine Schwester würden immer die Topplätze einnehmen, und dann an zweiter Stelle nach Frau Samantha Heavensworth Hennessey zu kommen, wäre ja auch nicht so schlecht.

Ja, klar!, stöhnte sie innerlich. Gott, es war wirklich beschissen, wenn man so nüchtern war, dass sie sich nicht einmal selbst reinlegen konnte.

Annie winkte die Barkeeperin herbei, eine ältere Frau, die aussah, als hätte sie wirklich jede Menge Zigaretten in ihrem Leben geraucht. Als sie sprach, verstärkte ihre heisere Stimme diesen Eindruck nur noch.

„Was kann ich dir bringen, Süße? Noch ein Mineralwasser?“

„Ja, bitte“, sagte Annie.

Die Frau reichte ihr ein Glas Sprite und scherzte: „Nicht einmal so ein ganz klein wenig Koffein? Wo bleibt dann der Spaß an all dem?“

Annie lächelte nur angespannt, und die Frau ging ohne ein weiteres Wort.

Ja, sie trank selten Alkohol – sie mochte den Geschmack einfach nicht – auch kein Koffein – das machte sie irgendwie kribbelig. War da etwas falsch daran? Sie vermutete, dass sie dadurch tatsächlich deutlich aus der Menge an der Bar herausstach, sogar noch mehr als durch ihren langen Rock und das Sweatshirt. Aber hey, es war eine frostige Nacht, und sie war bloß hier, um auf Ryans Fahrt anzustoßen und nicht, um jemanden aufzureißen.

Mit einem Seufzer trank sie noch einen Schluck ihres Drinks und überflog den Raum nach Ryan. Als sie ihn immer noch nicht entdeckte, zog sie ihr Handy heraus und schrieb ihm:

Wo bist du?

Es dauerte eine Minute, aber er schrieb zurück:

Gerade in die Parklücke gefahren. Tut mir leid, wir sind spät dran!

Wider besseres Wissen und trotz der Tatsache, dass Ryan mit der ach-so-perfekten Samantha in die Bar kommen würde, prickelte Annies Haut vor freudiger Erwartung, ihn zu sehen. Er war eben ihr bester Freund, die Person, mit der sie ihre Zeit am liebsten verbrachte von allen Menschen auf der Welt. Er war mehr als gutaussehend. Beschützend. Abenteuerlustig. Witzig. Einfühlsam. Die Liste war unendlich. Wie Paige sagen würde, er hatte es am Laufen.

Annie fuhr mit ihrer Mauerblümchen-Imitation fort und sah zu, wie sich Männer und Frauen um sie herum zusammentaten. Einmal oder zweimal unterhielt sie sich mit dem gelegentlichen Guten Samariter, der sie als Ryans gute Bekannte erkannte und sich wahrscheinlich verpflichtete fühlte, sich um sie zu kümmern, über Belanglosigkeiten. Nach solchen zehn Minuten hatte Annie eher das Gefühl, Ryan auf den Kopf hauen zu wollen als ihn zu umarmen. Wo war er nur? Hatte er nicht gesagt, sie wären bereits beim Einparken?

„Hey, es tut mir leid deswegen“, sagte Paige, als sie auf den Barhocker neben Annie schlüpfte. „Ich hatte nicht die Absicht, dich so lange hier alleine rumsitzen zu lassen.“

„Kein Problem. Allerdings wäre ich nach weiteren fünf Minuten gekommen, um dich zu retten. Du hast ausgesehen, als hättest du eine entsetzliche Zeit, als du dich mit jenen prachtvollen Feuerwehrmännern unterhalten hast“, witzelte sie.

Paige lachte. „Klar, es war die reine Folter!“

„Diese Kerle wissen einfach nicht, wie ihnen geschieht. Sie können nicht aufhören, dich anzustarren.“

Paige fächelte sich Luft zu. „Wirklich? Sie waren beide echt ziemlich scharf.“ Nachdem die Barkeeperin einen interessanten, pinkfarbenen Drink vor Paige abgestellt hatte, nahm Paige einen langen Schluck und starrte dann ihren Drink intensiv an, als wäre sie tief in Gedanken versunken.

„Alles in Ordnung?“, fragte Annie. „Ich hab doch nichts Falsches gesagt, oder?“

Paige schüttelte den Kopf, dann beugte sie sich nah an Annie heran. „Nein, mir ist bloß gerade wieder etwas eingefallen.“ Sie zögerte, biss sich unschlüssig auf die Lippe, holte dann tief Luft und fuhr fort: „Erzähl es bitte niemandem, aber manchmal bin ich von dieser ganzen männlichen Aufmerksamkeit, die ich bekomme, wirklich überwältigt. So war es nicht immer, und mein Ex war große Klasse darin, dass ich mich minderwertig fühlte. Ich kann nicht glauben, dass ich so irre in den Typen verliebt war!“

Annies Augen weiteten sich vor Überraschung. Auch wenn sie gewusst hatte, dass Paige geschieden war, hatte ihre Freundin ihr von dieser Zeit in ihrem Leben niemals erzählt. Und zu hören, dass sich ihre so selbstbewusste Freundin irgendwann einmal minderwertig gefühlt hatte, war ein Schock. „Hat er jemals…“ Annies Stimme verebbte.

Paige schüttelte den Kopf. „Kein körperlicher Missbrauch. Aber ich war so verliebt, dass ich alles getan hätte, nur um mit ihm zusammen zu sein. Das schloss mit ein, dass ich sogar meine Selbstachtung opferte.“

„Das kann ich mir nur ganz schwer vorstellen“, sagte Annie. Die Selbstachtung ihrer Freundin schien mittlerweile jenseits von Gut und Böse zu sein. Und was war mit Annies Selbstwertgefühl? Annie mochte sich selbst zum größten Teil, aber sie wusste, dass ihre Sozialphobie viel mit ihren eigenen Unsicherheiten zu tun hatte. Egal wie oft ihre Freundinnen sie vom Gegenteil zu überzeugen versuchten, sie fühlte sich immer noch zu durchschnittlich und pummelig, um sich in ihrer eigenen Haut wahrhaft wohl zu fühlen.

Und wenn es darum ging, etwas zu tun, um einen Mann zu halten? Darüber wusste Annie wirklich eine Riesenmenge! Die letzten acht Jahre lang hatte sie die Welt angelogen, indem sie vorgab, dass sie für Ryan nur Freundschaft empfand, obwohl sie doch wahnsinnig verliebt in ihn war. Verdammt, auf sein Drängen hin hatte sie ihm vor acht Jahren sogar versprochen, niemals ihre Freundschaft aufs Spiel zu setzen, indem sie versuchen würde, mit ihm etwas auf sexueller Ebene anzufangen. Sie bedauerte immer noch gewaltig, dass sie diesen Schwur geleistet hatte. Manchmal fragte sie sich, was geschehen wäre, wenn sie ihm ihre Gefühle gestanden hätte.

„Also wie bist du über deinen Ex hinweggekommen, wenn du doch so sehr in ihn verliebt warst?“ Sie rutschte auf ihrem Barhocker vor, hielt den Atem an, als könnte Paiges Ratschlag Wunder bewirken. „Offenbar hast du deine Selbstachtung wieder zurück. Was ist dein Geheimnis?“

„Er hat mich zum wiederholten Male betrogen. Da ist dann doch irgendetwas in mir eingerastet. Ich beschloss, keinen einzigen Tag mehr damit verbringen zu wollen, ihm nachzuweinen.“ Paige spielte mit ihrem Glas herum, und ihr Blick schaute weit in die Ferne, als würde sie in ihre Vergangenheit zurückschauen. „Deshalb habe ich mich verwandelt.“

Annies Augen weiteten sich. „Was meinst du damit?“

Paige nippte an ihrem Cosmo. „Ich wurde die Art Frau, die nach keinem Mann mehr schmachtete. Ich malte mir aus, dass ich selbstbewusst sei. Sexy. Stark. Die Sorte Frau, die gewillt ist, Risiken einzugehen und neue Horizonte zu erforschen.“

Bei ihr hörte sich das so leicht an. „War das der Zeitpunkt, als du den schwarzen Gürtel in Karate gemacht hast?“

„Nein, dafür habe ich jahrelang gearbeitet.“ Paige schüttelte den Kopf, dann blinzelte sie gedankenverloren. „Aber ich habe andere Dinge geändert. Ich veränderte meinen Stil, mich zu kleiden, zum Besseren. Verbesserte meine Art, zu gehen. Schließlich kündigte ich den Job, der mich zu Tode langweilte, und nutzte den Abschluss in Krankenpflege, den ich erreicht hatte, ehe ich meinen Ehemann kennen gelernt hatte. Aber das allererste, das ich tat? Ich beschaffte mir einen verdammten Vibrator“, erklärte sie, während sie ihr Glas wie zum Anstoßen erhob, dann leerte sie den verbliebenen Inhalt.

„Und dadurch bist du wirklich über ihn hinweggekommen? Jemanden, den du so sehr geliebt hast?“ Annie blickte sich um, um sich zu vergewissern, dass niemand Paiges Trinkspruch gehört hatte. Oh nein! Jason, ein recht cooler Feuerwehrmann, der Annie vorher auch begrüßt hatte, starrte sie beide nun an. Schnell drehte Annie ihren Kopf. „Vielleicht solltest du etwas leiser sprechen, wenn du das Wort mit v  und das Wort Vibrator im selben Satz wie eine Bombe fallen lässt?“, flüsterte sie.

Paige lachte, als wäre dies die witzigste Sache der Welt. „Du erinnerst mich voll daran, wie ich damals in Seattle war. Zu verschreckt, dass sich andere eventuell unbehaglich fühlen könnten. Zu nervös, um geradeheraus zu sagen, was ich dachte.“ Sie beugte sich zu Annie. „Aber im Ernst, indem ich mich verwandelte, bin ich nicht nur über ihn hinweggekommen, sondern es hat mein Leben wieder auf Touren gebracht, sodass ich jetzt das Leben lebe, das ich immer führen wollte. Es führte dazu, dass ich nun mein bestes Selbst ausleben kann.“

„Das klingt wunderbar, Paige“, sagte Annie, wobei sie ihre Freundin bewundernd anschaute. Wenn sie bloß auch den Mumm dazu hätte, so etwas zu tun – sich selbst zu verwandeln!

„Es fühlt sich auch wunderbar an.“ Paige drehte sich auf ihrem Sitz herum, um die Bar zu überblicken. „Also wo zum Teufel steckt dein Freund Ryan? Du hast gesagt, du wolltest um acht gehen, weil du morgen Frühschicht hast, und mittlerweile ist es schon bald so spät.“

„Verflixt!“, sagte Annie und schaute auf die Uhr. „Vor fünfzehn Minuten hat er mir geschrieben, dass er und seine Freundin hier seien. Lass mich mal schauen, wo er ist!“ Sie rutschte vom Barhocker herunter und hatte gerade zwei Schritte gemacht, als sie von Paiges Hand auf ihrer Schulter aufgehalten wurde.

„Ähm, Annie! Bist du sicher, dass du…“

Sie drehte sich um, um ihre Freundin anzuschauen. „Was ist los?“

Paige seufzte. „Nichts, Süße. Ich werde hier auf dich warten.“

„Okay, ich bin gleich zurück.“

Annie bahnte sich ihren Weg durch die Menschenmenge und öffnete die Vordertür. Sie ging ein paar Schritte Richtung beleuchteten Parkplatz, machte dabei auch sofort Ryans schwarzen Pickup aus. Sie konnte sich nicht vorstellen, wodurch Ryan und Samantha aufgehalten wurden, aber–

Sie erstarrte, als sie die beiden sah.

Ryans muskulöser Körper war an der Seite seines Fahrzeugs an Samanthas schmale Gestalt gepresst. Ihre Finger waren in seinem Haar verflochten, während Ryan ihre Hüften hielt und Samantha eng an sich gedrückt hielt. Sie waren in einem leidenschaftlichen Kuss versunken, und ihre Zungen waren miteinander verwoben. Ryans Hand wanderte von Samanthas Hintern zu ihrer Brust und umfasste sie. Als Gegenreaktion ließ Samantha eine ihrer Hände abwärts wandern, um Ryan zwischen seinen Beinen zu umfassen. Beide stöhnten vor Lust auf.

Durch Annies Brust schoss ein schmerzhafter Stich, aber sie war zu hypnotisiert, um wegzuschauen. Ryan hob Samanthas Top an und zog ruckartig ihren BH herunter, um ihre üppige Brust freizulegen. Er flüsterte ihr etwas zu, das Annie nicht hören konnte, dann senkte er seinen Kopf, um an ihrer Brustwarze anzudocken, als wäre er am Verhungern und Samantha ein Feinschmeckermahl.

Annie fühlte sich, als wäre sie in den Magen getreten worden. Nicht einmal, niemals hatte sie Ryan dabei beobachtet, wenn er schonungslos mit einer Frau herumknutschte. Sie war ja nicht dumm. Sie wusste, dass Ryan mit vielen Frauen zusammen gewesen war. Aber es tatsächlich zu sehen, war anders – machte es irgendwie realer. Noch niederschmetternder. Die meiste Zeit der acht Jahre hatte sie damit verbracht, sich in der Fantasie auszumalen, wie er seine Hände und seinen Mund auf ihr hatte, und nun war sie hier und erlebte ihren schlimmsten Albtraum, indem er praktisch jemand anderen fickte.

Und wenn sie die beiden sehen konnte…

Schnell wich Annie zurück, stolperte dabei fast über ihre eigenen Füße vor lauter Eile, möglichst rasch wieder hineinzugelangen. Das Letzte, was sie wollte, war, dass Ryan sie entdecken könnte. Das Entsetzen, das sie fühlte, musste ihr deutlich ins Gesicht geschrieben stehen. Ein Blick auf sie und er würde wissen, wie am Boden zerstört sie war. Wie verletzt. Wie erschüttert.

Dann würde er wissen, dass sie in ihn verliebt war, und dann würde sich ihre Freundschaft für immer verändern. Sie könnte einen Punkt erreichen, dass er womöglich nicht einmal mehr in ihrer Nähe sein wollte. Das konnte sie nicht geschehen lassen.

Sie kämpfte darum, Luft zu holen und ihre Tränen zurückzuhalten, und stürmte in den hinteren Teil der Bar, wo sich die Toiletten befanden. Als sie eine Hand auf ihrem Arm spürte, drehte sie sich ruckartig um. Es war Jason, derjenige, der mitgehört hatte, als Paige davon gesprochen hatte, einen Vibrator zu kaufen. Sein gut aussehendes Gesicht war in Falten gelegt, die nach Besorgnis aussahen. „Annie, bist du okay?“

„Ähm, ja. Mir geht’s gut, danke. Ich will bloß zu den Toiletten.“

Sie wich zurück und sauste Richtung Bad. Bevor sie eintrat, erhaschte sie Paiges Blick und rief ihr zu: „Bin gleich zurück. Dann  können wir gehen.“

Paige schaute auch besorgt wegen ihr drein, aber Annie konnte sich im Moment nicht damit beschäftigen.

Sie floh ins Bad, sperrte sich in einem Abteil ein, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und kämpfte darum, die Schluchzer zurückzuhalten. Kein Glück. Unkontrollierbar durchschüttelten sie schwere Schluchzer.

Der Schmerz, den sie fühlte, hatte schwindelerregende, neue Höhen erreicht. Ryan war ihr bester Freund, und sie würde ihn niemals verlieren wollen, aber irgendetwas musste unbedingt geändert werden.

Es dauerte ungefähr fünf Minuten, bis sie sich genug beruhigt hatte, um wieder normal zu atmen. Nachdem sie sich etwas Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, starrte sie sich selbst im Spiegel an. Und sie mochte das, was sie sah, nicht. Eine mollige Frau mit Brille und mausbraunem Haar, roten, verquollenen Augen. Sie war eine erbärmliche Person, die sich nach einem Typen sehnte, der sie niemals so begehren würde wie sie ihn.

In diesem Moment hasste sie sich selbst.

Und sie erinnerte sich an das, was Paige gesagt hatte, als Annie sie gefragt hatte, wie sie ihre Selbstachtung zurückbekommen hatte und über ihren Ex hinweggekommen war.

Ich verwandelte mich in die Art Frau, die nach keinem Mann mehr schmachtete. Ich malte mir aus, dass ich selbstbewusst sei. Sexy. Stark. Die Sorte Frau, die gewillt ist, Risiken einzugehen und neue Horizonte zu erforschen.

Wenn Paige das tun konnte, dann konnte Annie das auch.

Sie hatte es satt, immer nur das nette Mädchen zu sein. Sie war bereit, ein paar Risiken einzugehen. Während sie ihr Spiegelbild im Badezimmerspiegel anschaute, gelobte sie sich, dass sie bis zu dem Zeitpunkt, da Ryan von seinem Trainingslager zurückkommen würde, also in zwei Monaten, eine neue Frau sein würde.

Sie würde über ihn hinweg sein. Und sie würde endlich bereit sein, in ihrem Leben weiterzuziehen.

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