Küss mich um den Verstand Auszug

Hunter

 

„Hunter, Liebling, bist du auf? Das Frühstück ist fast fertig.”

Scheiße, denke ich, als ich meine Augen aufreiße.

Ich starre an die Decke und lausche auf die Geräusche, die aus der Küche kommen. Weibliches Summen. Schranktüren, die geöffnet und geschlossen werden. Tellerklappern. Links von mir lugt das Sonnenlicht durch die Jalousie. Ich taste nach meinem Handy, schaue nach der Uhrzeit und fluche erneut innerlich. Und zwar heftig. Nicht nur, weil ich verschlafen habe, sondern auch weil ich über mich selbst angepisst bin.

„Hunter?”

„Ja!”, rufe ich endlich. „Ich komme!”

Ich werfe die Decke beiseite, stehe auf, ziehe eine Trainingshose an, spritze mir dann kaltes Wasser ins Gesicht. Die Arme auf den Waschtisch aufgestützt starre ich mein Spiegelbild an und verziehe angewidert den Mund.

„Du Vollidiot”, murmele ich.

Erschöpft von einer ganzen Reihe von Achtzigstundenwochen und zu viel Alkohol habe ich offensichtlich etwas getan, das ich seit zehn Jahren nicht getan habe – ich bin gleich nach dem Sex mit einer Frau eingeschlafen.

Mit derselben Frau, die jetzt gerade Bacon brät, dem Geruch nach zu urteilen.

Mit derselben Frau, deren Namen ich mir nicht einmal merken kann.

Ich habe sie gestern Abend im Gatsby’s kennengelernt und sie mit nach Hause genommen – auch das eine Seltenheit. Normalerweise gehe ich lieber mit in die Wohnung der Frauen, damit ich leichter abhauen kann, aber sie war nur zu Besuch in der Stadt und neugierig, wo ich wohne. In ein Hotelzimmer zu gehen erschien mir zu aufwendig, und bevor ich wusste, wie mir geschah, waren wir auch schon hier. Im Club war sie schon gut mit ihren Händen gewesen, und im Bett sogar noch besser. Wild und verrückt zwischen den Laken.

Und trotzdem kann ich mich nicht an ihren Namen erinnern.

Als ich in die Küche komme, schaut die hübsche Blondine auf und schenkt mir ein warmes, schönes Lächeln. Wäre ich jemand anderes, wäre ich nicht der verdammte Hunter Kiss, hätte dieses Lächeln bestimmt mein Herz erweicht.

Aber ich bin nun mal Hunter Kiss, und ich habe keine Zeit für so’nen Scheiß.

Mir fällt auf, dass sie meinen Bademantel aus grauem Kaschmir trägt, der sonst an meiner Badezimmertür hängt. Das ärgert mich. Als ich dann auch noch meinen Laptop zwar dort sehe, wo ich ihn gelassen habe, auf der Arbeitsfläche – aber mit aktiviertem Bildschirmschoner, was mir verrät, dass sie versucht hat, an meine Dateien zu kommen – sind all meine guten Vorsätze, höflich mit ihr zu frühstücken, bevor ich sie vor die Tür setze, dahin.

„Guten Morgen”, säuselt sie. „Hast du Hunger? Ich dachte mir, wir könnten was essen und dann den Tag zusammen verbringen.”

„Klar, das wird aber nicht passieren.”

Sie runzelt die Stirn. „Bitte?”

„Mein Bildschirmschoner ist an.” Ich hebe die Brauen, aber ich mache sie nicht so fertig, wie ich vielleicht sollte. Schon, sie hat herumgeschnüffelt, aber es war ja nicht ihre Schuld, dass ich eingeschlafen bin, auch wenn ich ihr schon gestern Abend gesagt habe, dass ich nichts anderes will als Befriedigung für uns beide. Von wegen einer Frau missverständliche Signale geben. Trotzdem möchte ich, dass sie verschwindet. „Hör zu, gestern Abend das war großartig, aber ich muss mich jetzt an meine Arbeit machen. Das Café nebenan hat tolle Pfannkuchen.”

Sie öffnet und schließt den Mund. Ihr Gesicht wird rot. Schließlich verengen sich ihre Augen. „Du bist ein Sack!”

Ich denke kurz über ihre Worte nach und zucke die Schultern; ich hab gar nicht vor, mich noch mehr wie ein Arsch zu benehmen, sie hat nur einfach recht. „Und genau deshalb würdest du auch nicht mehr Zeit als nötig mit mir verbringen wollen”, sage ich leise.

„Fick dich!”, bringt sie verächtlich hervor, während sie um den Küchenschrank und mich herum vorbei und ins Schlafzimmer marschiert.

Mir liegt schon eine Entschuldigung auf der Zunge, doch ich zwinge mich, nichts zu sagen. Zehn Minuten später stürmt sie aus meinem Apartment. Ein paar Sekunden lang fühle ich mich schuldig. Sie war eine nette Frau, größtenteils, und hatte es echt drauf, einem einen zu blasen. Aber mehr als das fühle ich mich erleichtert. Und ich nehme mir fest vor, nicht noch einmal den gleichen Fehler zu machen und mit einer Frau einzuschlafen.

Ich koche mir Kaffee und rufe Trisha an, meine Assistentin. Sie teilt mir mit, dass sie meine Morgentermine bereits verschoben hat.

„Habe ich dir jemals gesagt, wie sehr ich dich liebe?”

„Ja, Hunter, das hast du mir schon eine Million Male gesagt. Ich liebe dich auch, und bevor du jetzt vor Entsetzen bei diesen Worten kreischst und das Weite suchst – ich meine das, wie du weißt, auf eine ganz brüderliche Weise.”

„Richtig.” Ich grinse. „Wie geht es Gwendolyn?”

„Lass uns sagen, dass es kompliziert ist, frag nicht weiter.”

„Frauen sind so verflixt kompliziert.” Ich nehme einen Schluck von meinem Kaffee und bereue die Entscheidung sogleich, da er noch viel zu heiß zum Trinken ist und mir die Lippen verbrüht. „Ganz im Ernst, ich weiß gar nicht, warum du dich nicht umorientierst. Ich kenn da so einen gutaussehenden Kerl, der genau dein Typ wäre.”

„Ist er etwas über eins achtzig, athletisch gebaut? Hat braune Haare und haselnussbraune Augen?”

„Ja, ich glaube, wir sprechen vom gleichen.”

„Ja, den Kerl kenne ich, und er ist nur deshalb mein Typ, weil er sogar noch mehr Angst vor einer Bindung hat als ich. Außerdem ist er wie ein Bruder für mich, und sollte ich mal irgendwann hinter einem Schwanz her sein, dann wollte ich trotzdem kein Tabu brechen.”

„Hinter verschlossenen Türen ist doch jeder hinter etwas Verrücktem her.” Ich grinse breit und frage dann: „Hast du Cross an das morgige Meeting erinnert?”

„Um ehrlich zu sein nicht. Als ich ihn angerufen habe, hat er ein wenig herumgedruckst. Und zwar wörtlich.”

„Na ja, er ist halt ein typischer Südstaatenjunge. Aber er ist außerdem auch einer der kommenden Quarterback-Stars des Landes. Und was willst du damit sagen, dass er herumgedruckst hat? Er war doch, als ich letztens mit ihm gesprochen habe, so verdammt aufgeregt, dass er bei mir unter Vertrag gehen und eine Profikarriere einschlagen würde.”

„Das war offensichtlich, bevor seine Schwester ihm ins Gewissen geredet hat. Er hat angedeutet, dass sie Bedenken hat.”

„Ist das die gleiche Schwester, die in der letzten Woche fünfundzwanzig Nachrichten hinterlassen hat?”

„Genau die. Ist nicht gerade dein größter Fan.”

Ich schnaube. „Ich habe doch keine Angst vor seiner Schwester.”

„Da ich die einzige bin, die bislang mit ihr gesprochen hat, kann ich eines mit Sicherheit sagen: das solltest du.”

Ich verdrehe die Augen. „Jetzt wirst du albern. Dass Cross unterschreibt ist so gut wie abgemacht.”

„Ja, abgemacht, schön und gut, aber er hat erwähnt, dass er seine Schwester bei dem Meeting dabei haben möchte.”

Ich stoße meinen Atem aus. „Fuck. Aber schön. Sobald ich mit ihm und seiner Schwester fertig bin, werden die Dollarzeichen in ihren Augen sie sabbern lassen.”

„Ich hoffe, du hast recht. Wie dem auch sei, wirst du uns bald mit deiner Anwesenheit beehren?”

„Bin in einer Stunde da.”

Ich beende das Telefonat und springe unter die Dusche. Als ich fertig bin, höre ich jemanden an die Tür hämmern. Ist das die Blondine? Falls sie etwas „vergessen” hat, dann sollte ich ihr das besser gleich geben, um nicht Gefahr zu laufen, dass sie zurückkommt. Sie klopft erneut, diesmal aggressiver. Mein Bademantel liegt auf dem Fußboden, wo sie ihn hingeworfen hat, und ich denke, zum Teufel, sie hat sowieso schon alles gesehen, was es an mir zu sehen gibt. Also schnappe ich mir ein Handtuch, binde es mir lose um die Hüfte und reiße die Tür auf.

Doch was ich sehe ist nicht die Blondine, sondern eine kleine kurvige Frau mit Haaren, die so dunkel sind wie die Nacht, und die sich gerade auf den Weg zum Aufzug macht. Als ich die Tür öffne, wirbelt sie herum, und ich reiße die Brauen in die Höhe. Sie hat einen großen Busen, ihre Titten wackeln, als sie sich umdreht, sie ist außerdem tätowiert, hat pinkfarbene Strähnen im Haar und die dunkelsten Augen, die ich je gesehen habe. Sie hat einen Schmollmund. Auf ihrer hellen Haut sind Sommersprossen zu erahnen. Und hätte sie nicht etwas Trotziges im Gesicht, wäre sie hübsch.

„Hunter Kiss?”, ruft sie, noch ein ganzes Stück entfernt, mit einer so tiefen, rauen Stimme, dass mein Schwanz sich zu regen beginnt.

Ich lege die Hände über meinem Kopf an den Türrahmen und lehne mich grinsend vor.

Ihre Augen werden ganz groß, als sie plötzlich feststellt, dass ich nur ein Handtuch um die Hüfte trage, das jeden Moment hinunterrutschen könnte. Ich kann die heiße Spur geradezu spüren, den ihr Blick hinterlässt, als er über meinen Körper wandert. Ich spanne meine Brustmuskeln ein wenig an und muss grinsen, als ihr Blick gleich zu der Bewegung springt. „Das ist richtig. Und Sie sind?”

Sie blinzelt und schüttelt dann den Kopf, als müsste sie ihn klar bekommen. „Ich bin Chad Cross’ Schwester. Und Sie können dieses Handy hier nehmen und es sich in den Arsch schieben”, sagt sie und wirft etwas in meine Richtung, das mich ins Gesicht trifft – mit Wucht.

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