Küss mich für immer Auszug

Julia

 

Leckende, saugende Geräusche bahnen sich einen Weg in meinen Gehörgang und ein gelegentliches, leises Stöhnen sickert hindurch. Mein Fokus liegt einzig und allein auf dem Mann vor mir und dem Wissen, dass ich ihn fast vor Genuss in die Knie gezwungen habe. Er stöhnt herzhaft, während seine Zähne knabbern und seine Zunge schnipst. Seine Kehle arbeitet, als er schluckt, und seine Finger sind glitschig. Glatt. Suchend.

Mein Körper schaudert.

Vor Ekel.

„Hey, hast du noch mehr Chicken Wings?“, fragt Joe Miller.

Joe ist einen Meter fünfundneunzig groß und ehemaliger Profi-Footballspieler, der jetzt an der örtlichen Highschool unterrichtet. Er lässt sich die Kostproben schmecken, die ich in Cooper’s Supermarkt & Drogerie aushändige, und leckt sich noch immer die Soße von den Fingern, als wäre er ein Kleinkind und kein erwachsener Mann.

Ich versuche, keine Grimasse zu ziehen. Denn ich weiß, dass ich keine Chicken Wings mehr habe, will aber nicht, dass sich Joe beim Manager über zu kleine Portionen beschwert.

Das kommt davon, wenn man nach einer Beförderung fragt. Statt hinter der Kasse zu arbeiten, verdiene ich nun einen Dollar mehr pro Stunde, indem ich als kulinarisches Äquivalent derjenigen arbeite, die vorbeigehende Passanten mit Parfum besprühen. Ich schiele zu den Ausstellungsproben – mein doppeltes Angebot aus Kokosnuss-Curry-Wings und Spargel soll sowohl Gesundheitsfreaks als auch abenteuerliche Esser begeistern. Ein einsamer Chicken Wing liegt auf einem rot-weiß-karierten Papierteller, der so aussieht wie die Pommes-Frites-Schalen an der Tankstelle, nur kleiner. Ein identisches Tablett beinhaltet portionierte grüne Stängel der Gesundheit (ich sage ihnen ständig, dass roher Spargel nicht essbar sei, aber niemand hört auf mich).

Joe schaut nicht mal in die Richtung des Spargels und ich kann es ihm nicht verübeln.

Ich bin kein Fan von Curry, aber wenn etwas verdammt vielen Kalorien hat – jederzeit.

Joe beäugt die winzige Chicken Wing Probe, als würde er berechnen, ob es sich lohnt, sie zu essen, oder ob er mich darum bitten soll, nach hinten zu gehen und größere zu holen. Ich lächele, hoffe, dass er weggeht.

Meine Füße fühlen sich an, als stünde ich seit fünf Jahren ohne Pause an dieser Stelle, aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Ich habe sie an Kasse Drei verbracht – deshalb kenne ich fast jeden, der hier durch die Tür kommt.

Es könnte schlimmer sein. Es könnte so sein, wie es damals war, als all meine Freunde von der Highschool ihren Abschluss am College machten und nach Hause kamen, um ihre Sachen zusammenzupacken und dort hinzuziehen, wo es sie als nächstes hin verschlug, sei es zur Gradschool oder zu tollen neuen Jobs.

Wenn ich daran denke, dass ich hier festsitze, erinnere ich mich daran, dass ich zumindest für Mr. Cooper, den Besitzer, arbeite, auch wenn ich der neuen Managerin, die er kürzlich eingestellt hat, She-Hulk, nicht gerade freundlich gegenüberstehe. Cooper‘s gehört einer Familie aus der Gegend und Mr. Cooper hat mir eine Chance gegeben, als niemand sonst es wollte. Außerdem: Ich werde hier nicht für immer arbeiten müssen, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Gott, bitte lass das nicht für immer mein Leben sein.

„Hier, Joe“, sage ich schließlich, da Joe offensichtlich nicht gehen wird, bevor ich seinen Appetit nach mehr Wings gestillt habe. Ich händige ihm das kleine Tablett samt Hähnchenflügel aus, außerdem mehrere Servietten.

Er schiebt den Flügel mit einem Bissen in seinen Mund.

Sofort bedeckt Soße sein Gesicht und tropft auf das graue T-Shirt, das er trägt und bereits von vorhin Soßenflecken aufweist. Wieder einmal unterdrücke ich eine Grimasse, als er am Knochen saugt. Es klingt wortwörtlich so, als würde er sein Essen inhalieren.

„Danke.“ Joe gibt mir das leere Tablett zurück, anstatt es in den Mülleimer vor uns zu werfen.

Ich blicke auf das Tablett, keine Knochen in Sicht, und dann zurück zu Joe. Ich will ihn fragen, ob er die Knochen gegessen hat, doch dann passiert ein Mann meinen Stand und ich bin sprachlos.

Ich bin sprachlos, punkt.

Ich reagiere genauso wie die letzten fünf Male, als ich ihn gesehen habe.

Nein, ich kenne seinen Namen nicht, aber ja, ich weiß genau, wie oft er im Laden war, zumindest während meiner Arbeitszeiten. Zum ersten Mal kam er vor etwa zwei Monaten, an verschiedenen Tagen und Uhrzeiten, um die Vitamine unter die Lupe zu nehmen.

Er ist groß. Schwer, muskulös und außerordentlich gutaussehend mit kurzem, dunklem Haar und kantigen Gesichtszügen. Er trägt ein ausgeblichenes T-Shirt, das seinen straffen Oberkörper betont, und eine Jeans, die ein beeindruckendes Paket und einen festen Arsch bedeckt. Obwohl er lässig gekleidet ist, strahlt er Selbstsicherheit und Stärke aus.

Er hat noch nie ein Wort mit mir gewechselt. Noch nie in meine Richtung geschaut. Er könnte der größte Arsch auf dem Planeten sein und das wäre eine verdammte Schande, denn ich denke gerne, dass er innerlich genauso wunderschön ist wie äußerlich.

Jedes Mal wenn ich ihn sehe, überkommt mich ein vertrautes Gefühl, aber ich weiß nie, warum. Ich verbringe viel Zeit damit, davon zu träumen, wovon er lebt. Und jedes Mal ende ich damit, ihn als eine Art Filmstar zu betrachten, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, was er dann in Rutherford tun würde, vor allem in diesem Viertel.

Er sieht jedenfalls wie ein Filmstar aus, mit kräftigem Kiefer und hohen Wangenknochen, die jedes Mädchen zum Kreischen bringen würden. Und dunkle Augen, die sogar aus der Ferne jeden, der so viel Glück hat, im Kreuzfeuer zu landen, verführen und ertränken können.

Heute jedoch überkommt mich die Vorstellung von ihm in schickem Anzug samt Krawatte als absoluter Herrscher eines Bürogebäudes irgendwo in gewaltigen Höhen von Downtown Rutherford.

„Mädchen, er spielt so weit außerhalb deiner Liga.“

Ruckartig drehe ich mich zu der Seite, aus der die Stimme kommt. Joe ist weg, dafür steht da nun Kevin, mein bester Freund, Kollege und stetiger Befähiger. Er ist groß und dünn und seine Augen gleichen den meinen so sehr, dass sich schon viele gefragt haben, ob wir Geschwister sind. Sein Haar ist vorsätzlich zerzaust und sein Shirt immer gebügelt. Er ist von Kopf bis Fuß peinlich sauber. Normalerweise ist er der stereotypische schwule, beste Freund, von dem jedes Mädchen träumt, aber verdammt noch mal, er lenkt mich von Big Sexy ab und ich weiß, dass dieser bald gehen wird. Er bleibt nie lange.

Ich habe noch nie jemandem von meiner intensiven Reaktion ihm bezüglich erzählt, nicht einmal meinem besten Kumpel. Doch eins ist sicher: Ob Big Sexy ein netter Kerl ist oder nicht, Kevin hat recht – er spielt weit außerhalb meiner Liga. Das bedeutet nicht, dass ich ihn nicht bewundern sollte, solange ich kann.

„Danke, Kevin“, sage ich mit ausdruckslosem Gesicht. „Danke, dass du eine Abrissbirne mitten in mein Selbstbewusstsein schlägst.“

„Ich versuche nur, dich vor Kummer zu schützen.“

„Kummer? Ich habe ihm schöne Augen gemacht, was vermutlich die meisten tun. Ich verliebe mich ja schließlich nicht in…“

„Diesen Arsch?“ Er schielt genau wie ich zurück zu Big Sexy. Während wir ihn beobachten, kauert sich Big Sexy plötzlich auf den Boden, um die Vitamine im untersten Regal zu begutachten. „Dieser Arsch ist es wert, sich in ihn zu verlieben“, fügt Kevin hinzu.

„Er spielt nicht in deiner Liga, Kevin“, werfe ich zurück. Dann kichere ich leise. „Warum starten wie diese Endlosdebatte wegen eines totalen Fremden?“

„Wegen dieses Arsches!“

Ich schaue noch einmal verstohlen hin. „Das ist ein schöner Arsch.“

„Gott hat etwas mehr Zeit mit diesem Hinterteil verbracht.“

„Und dem Lächeln.“

„Woher willst du wissen, wie es aussieht, wenn er lächelt?“

„Wie du weißt, habe ich eine blendende Vorstellungskraft.“

„Stellst du dir sein Lächeln vor oder nach dem Sex mit dir vor?“

„Beides, natürlich.“ Spielerisch stoße ich seine Schulter an, doch schon bald liegen unsere Blicke wieder auf Big Sexy.

„Kevin Dorsey zum Kundendienst.“ She-Hulk ruft Kevin über die Sprechanlage aus. „Kevin Dorsey zum Kundendienst.“

Er stöhnt, geht aber ohne zu zögern weiter. She-Hulk erwartet Pünktlichkeit in allen Aspekten des Jobs – vor allem wenn sie uns zusammenscheißen will. She-Hulk (tatsächlicher Name: Sheila) – groß, blond und schlank – ist gut in ihrem Job, aber ihre Stimmung schwingt hin und her wie ein Pendel. Man weiß nie, woran man bei ihr ist.

Als Kevin an Big Sexy vorbeigeht, greift er in seine Hosentasche, fischt sein Handy heraus und bereitet die Kamera vor. Als er das Vitaminregal passiert, blickt er mich mit verschmitztem Lächeln an und macht schnell ein Foto von Big Sexys Arsch.

Ich zucke zusammen, als Big Sexy sich umdreht und Kevin erwischt.

Vielleicht ist er wirklich ein Filmstar, denn er scheint nicht überrascht zu sein. Oder vielleicht hat er das Handy nicht gesehen. Doch er reckt seinen Hals weiter und blickt nach hinten, bis sein Blick auf meinen trifft.

Gott, diese Augen. So perfekt. Ich spüre seinen Blick in jedem Teil meines Körpers.

Dann lächelt er sanft und ich schwöre, etwas in mir, von dem ich nicht wusste, dass es kaputt war, rastet hörbar ein. Mit diesem einen Lächeln hat Big Sexy mich vervollständigt. Mich wieder ganz gemacht.

Diese traumhaften Lippen, die mich necken und erregen. So rot. So sinnlich. So verdammt küssbar.

Ich fühle eine Verbindung. Er sieht direkt durch mich hindurch und ich…

O Gott, ich starre!

Ich schlage meinen Kopf zur Seite und drehe mich um, dabei verflechte ich meinen Fuß auf seltsame Weise. Ich bin nicht beweglich genug, um eine sanfte Korrektur durchzuführen, und so kollidiere ich mit dem Stand. In Slow Motion droht der Tisch, der mit Schongarer, leeren Tellern und einem Dutzend Spargelstängeln ausgestattet ist, zu fallen.

Ich keuche vor Angst, als ich mir vorstelle, wie mein Name über die Lautsprecher ausgerufen wird.

Bitte in Gang Fünf aufräumen, wo Big Sexy Julia Rominger angelächelt und sie deshalb das Kostproben-Mädchen-Äquivalent zum ‚sich in die Hosen machen‘ vorgeführt hat.

Ich würde es She-Hulk zutrauen, so etwas zu tun.

Dann würde Big Sexy meinen wirklichen Namen kennen, anstatt der Bezeichnung, die er im Moment vermutlich für mich erfindet: das gruselige Mädchen, das mich anstarrt und sich zum Narren macht.

Zum Glück, nach ernsthaftem Strampeln, bin ich in der Lage, mich am Tisch festzuhalten und sowohl ihn und mich zu stabilisieren, bevor ich auf dem Hintern lande. Mit klopfendem Herzen, zitternden Beinen und flammendem Gesicht (flammender als das der Jungfrau im Bachelor, wenn die Kamera für den ach so perfekten ersten Kuss hineinzoomt) atme ich tief durch.

Ich weigere mich, zu Big Sexy hinüberzuschauen.

Ich kämme mit einem Finger durch mein Haar, eine nervöse Angewohnheit, die ich seit meiner Zeit als schüchternes Kind nicht loswerden konnte.

Dann kann ich nicht anders. Ich drehe mich wieder zu ihm.

Und schreie fast vor Überraschung, als ich feststelle, dass er direkt vor mir steht.

„Hallo“, sagt er.

Ich blinzele und mein Gesicht erfährt eine weitere Runde leuchtender Röte.

„Also, was ist heute im Angebot?“, fragt er.

„Wie bitte?“

„Chicken Wings, hm?“ Er untersucht die Packung und die Soßenreste im Schongarer.

„Ähm, ja. Es ist mir gerade ausgegangen, aber ich kann…“ Er wartet, als wäre er tatsächlich an einer Alternative zu Chicken Wings interessiert. „Naja, ich kann mehr holen?“

Er nickt. „Okay“, sagt er. „Es stört mich nicht, zu warten.“

„Bist du sicher?“, frage ich ihn.

„Ich bin sicher.“

Als ich um den Tisch herumgehe, verlagert er sein Gewicht und unsere Arme berühren sich. Der Körperkontakt bringt meinen Körper zum Beben und ich zittere noch mehr, als ich einen Hauch seines Dufts wahrnehme – etwas Würziges mit Zitronenakzenten, die mich danach sehnen lassen, zu stöhnen, mich an ihn zu klammern und ihn wie eine Eiswaffel abzulecken. Irgendwie schaffe ich es, einige Meter zu gehen, bevor ich über die Schulter spähe, um sicherzugehen, dass er nicht abgehauen ist. Er besieht sich ein Blumendisplay in der Nähe meines Standes und ich will ihm sagen, dass ich eine Blume habe, die er untersuchen kann. Doch es besteht keine Chance, dass er Interesse an mir hat. Er spielt nicht nur außerhalb meiner Liga – er ist so weit weg, dass wir nicht einmal dasselbe Spiel spielen.

Ich eile nach hinten zur Angestellten-Toilette und prüfe meine Haare. Ich weiß nicht warum, aber siehaben die Tendenz, bei der Arbeit platt nach unten zu hängen. Mein goldenes Haar soll springen. Wenn es voller Leben ist,sehe auch ich aus wie das blühende Leben, richtig? Ich fahre meine Finger durch die Haare und plustere sie auf, gebe ihnen etwas Schwung und Volumen zurück. Mein Make-Up passt. Ich könnte etwas Lippenpflege oder Lipgloss vertragen, aber ich feuchte meine Lippen einfach mit etwas Wasser aus dem Wasserhahn an und tupfe sie mit einem Papierhandtuch trocken.

Dann richte ich mein Arbeitsshirtund gehe sicher, dass es gerade sitzt. Ich öffne den obersten Knopf und ziehe es etwas nach unten um ein bisschen Ausschnitt zu zeigen, ihm einen Vorgeschmack meiner Kurven zu geben. Dann schüttele ich den Kopf, als ich das Lebensmittelgeschäft-Kostproben-Mädchen vor mir im Spiegel sehe. Es hat keinen Sinn. Ich bin so langweilig, wie es nur irgendwie möglich ist. Ich wiege auch einiges mehr als eine typische Größe 36 und ich habe oft genug Dickerchen-Kommentare an der Kostprobenstation gehört. Als ich meine Mutter das letzte Mal gesehen habe, wies sie mich darauf hin, in der Eisdiele etwas kürzer zu treten, was nicht die höflichste Art der Begrüßung war, wenn man bedenkt, dass ich die letzten zwei Jahre damit verbracht habe, sie zu versorgen, während sie ihre Krebsbehandlungen bekommen hat. Doch sie hat mir das Leben geschenkt und ich bin froh, dass es ihr so gut geht. Auch wenn sie darauf besteht, dass die Zahl auf meiner Waage zu hoch ist, und zwar im zweistelligen Bereich.

Egal. Ich muss zurück zu meinem Stand, bevor Big Sexy das Interesse an den Chicken Wings verliert. Wenn er geht, sehe ich ihn vielleicht nie wieder. Er könnte schon morgen einen anderen Laden finden, wo er seine Vitamine kauft. Er könnte sich überlegen, dass er nicht mehr Gefahr laufen möchte, dem trampeligen Mädchen bei Cooper’s über den Weg zu laufen. Und ich? Ich will einfach nur die Möglichkeit haben, ein bisschen mehr mit ihm zu reden.

Er hat eine tolle Stimme und jetzt, da ich sie kenne, werde ich mir vermutlich all die Dinge vorstellen, von denen ich wünschte, dass er sie zu mir sagen würde. Dabei kommt die Frage nach mehr Chicken Wings garantiert nicht vor, aber vielleicht…

Du siehst heute wunderschön aus.

Verdammt, was für ein Körper.

Du bist die beste Geliebte, die ich je hatte.

Ich greife nach einem Paket Wings und eile zurück nach vorne, wo mein Stand unbeaufsichtigt auf mich wartet.

Er ist weg.

Natürlich.

Ich weiß nicht, was ich dachte. Ich müsste es besser wissen. Jemand wie er, mit seinem perfekten Gesicht, seinem perfekten Körper, könnte niemals an jemandem wie mir interessiert sein. Und trotzdem habe ich das Gefühl, gerade die Chance auf etwas Kostbares verloren zu haben.

Ich richte mein T-Shirt, sodass es etwas mehr meinem Arbeitsplatz entspricht, und knöpfe es wieder zu, bevor mich jemand sieht.

Es ist sowieso Zeit, dass ich Pause mache. Ich kann den Tisch wegräumen und über einem Sandwich vom Deli schmollen. Ich laufe zurück zum Tisch und bemerke, dass Big Sexy doch nicht gegangen ist.

Stattdessen liegt er auf dem Boden.

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