Harte Zeiten für Schwere Jungs Auszug

Katie

 

Meine Mom sagte immer zu mir, ich solle große Träume haben. Dass ich alles sein könnte, was ich will. Witzig, ich wollte niemals in einer Gefängniskantine arbeiten, doch genau das ist passiert. Nun bestehen meine Tage aus einem unendlichen Strudel der immer gleichen banalen Aufgabe, zwei Kellen von etwas, das man nur als Schweinefraß bezeichnen kann, auf die Tabletts zu werfen, während die Insassen Schlange stehen.

Sie sehen alle gleich aus. Sie verhalten sich alle gleich. Es ist unmöglich, sie auseinanderzuhalten, obwohl sie sich in Hautfarbe und Persönlichkeit unterscheiden. Ein geisterhaftes Gesicht verschwimmt mit dem nächsten.

Einige der Männer machen mir Angst.

Die meisten von ihnen, wenn ich ehrlich bin.

Doch er macht mir von allen am meisten Angst.

Thomas Street.

Aus der Collage verschwommener Gesichter sticht seines wie ein bunter Hund hervor. Etwas an ihm ist anders. Mary, meine ältere – und wesentlich weisere – Kollegin sagt, etwas anders wäre die Art, wie er mich ansieht. Ich gehe mit einem Lachen über ihre Kommentare hinweg, doch tief im Inneren weiß ich, dass sie recht hat. Er starrt mich immerzu an, seine Augen ruhen selbst dann auf mir, wenn er sich an einem Tisch niederlässt und mit seiner Gabel in kaum genießbarem Essen stochert.

Ich sehe ihn ebenfalls an. Das tue ich seit Monaten. Und obwohl ich am Anfang versucht habe, mich beim Hinschauen nicht erwischen zu lassen, habe ich bald jeden Vorwand über Bord geworfen. Selbst, wenn er nicht in der Nähe ist, sucht mein Blick nach ihm. Mein Körper verzehrt sich nach ihm. Und wenn ich ihn dann endlich entdecke, ist es mehr als nur ein flüchtiger Blick.

So wie jetzt.

Gefangen von diesen tiefen, durchdringenden blauen Augen kann ich nicht wegschauen. Ich sitze fest und fülle die Kluft zwischen uns mit Träumen, während er isst.

Selbst während ich in einer ungebetenen Welt aus Sehnsucht und Verlangen verloren bin, schenken meine Hände weiterhin Kellen auf Tabletts aus. Es ist der einfachste Job, den ich jemals hatte, und ich habe mich daran gewöhnt, auf Autopilot zu laufen. In den sechs Monaten, die ich hier verbracht habe, bin ich zu einem Roboter geworden, zu einer Maschine.

Ich ertappe mich oft dabei, dass ich mich frage, ob es den Insassen auffällt, die an mir vorbeigehen. Ob sie die Leere sehen, die sich hinter meinen grün-braunen Augen verbirgt. Wahrscheinlich nicht. Sie sind zu sehr mit ihren eigenen Fantasien beschäftigt, wenn nicht damit, wie es sich anfühlen würde, mir die Kleider vom Leib zu reißen und mich gleich hier zu ficken, dann damit, wie es wäre, wieder draußen zu sein und ein Leben in Freiheit zu führen. Sie haben keine Ahnung, dass ich mir dieselbe Frage stelle, selbst wenn ich abends nach Hause gehe.

Wie bin ich hinter diesen Gefängnismauern gelandet? Zu welchem Zeitpunkt habe ich mir selbst gesagt: Weißt du, vielleicht solltest du den gefährlichsten Männern der Welt Fertigessen servieren. Und schlimmer noch, wie kommt es, dass ich oft das Gefühl habe, mich von einem Gefängnis ins nächste zu begeben, wenn ich nach der Arbeit mit dem Auto nach Hause fahre?

Welche Ironie – dieser Ort ist meine Flucht aus der Welt da draußen, und dennoch wünschte sich jeder dieser Männer, einen Fluchtweg in die Welt da draußen zu finden. Hier drin fühle ich mich beinahe sicher.

Ich zucke zusammen, als ich spüre, dass Finger mein Handgelenk umfassen. Es steht niemand in der Schlange und ich habe gerade eine Kelle auf die eiserne Theke vor mir geschöpft.

„Was ist los mit dir?“, fragt Mary mit gerunzelter Stirn und lässt mich los. „Wovon träumst du gerade?“

Die Hitze steigt mir ins Gesicht, als ich mir vorstelle, dass Street beobachtet hat, was ich gerade getan habe. Ich werfe Mary ein schwaches Lächeln zu und wische die Sauerei auf, die ich verursacht habe.

„Du kennst mich, Mary. Ich träume nicht.“ Natürlich ist das eine Lüge. Ich träume von ihm, und ich bin mir sicher, dass sie es weiß. Doch das werde ich niemals offen zugeben. Ich seufze und ziehe die Latexhandschuhe aus.

„Die Realität ist die Realität; auch noch so viele Träume werden das nicht ändern.“

„Du beobachtest ihn, oder nicht?“ Sie dreht sich ein wenig, sodass ihr Blick auf Street gerichtet ist. „Ich nehme es dir nicht übel, wenn es so ist.“

„Sei nicht albern“, schnaufe ich und lege einen Schalter um, der den Heizstrahler über der Platte mit Schweinefraß abstellt.

„Er beobachtet dich auch.“

Als ich nichts sage, als ich es diesmal schaffe, meine Augen nicht von ihrem Gesicht abzuwenden, lacht sie und geht in die Küche. Ich folge ihr, doch blinzele ich noch einmal – diesmal nur ganz kurz – zu Street, bevor ich mir meinen Weg durch die schwingende Flügeltür bahne.

Er starrt mich immer noch an, als könne er seine Augen nicht einmal von mir abwenden, wenn er es versuchte. Zwischen uns liegt eine magnetische Landmine, ihre Anziehungskraft kann unmöglich ignoriert werden, doch er ist tabu. Er ist ein Mann hinter Gittern, und ich bin eine Frau, die in einer anderen Art von Gefängnis eingesperrt ist, in meiner ganz persönlichen Hölle.

 

* * *

 

Wenn meine Schicht vorbei und das Essen für den nächsten Tag vorbereitet ist, begebe ich mich auf den langen Weg in die Freiheit, einen Pfad entlang, der auf jeder Seite von gewaltigen Zäunen mit Stacheldraht begrenzt wird. Einer trennt mich vom Gefängnishof und der andere sichert ein paar Versorgungsgebäude ab. Meine Füße stapfen über den ausgetretenen Schotter, während ich den Pfad entlangeile und zusehe, dass ich rechtzeitig zuhause bin, um das Abendessen für meinen Freund zuzubereiten.

Er ist ein leicht aufbrausender Mann und nichts regt ihn so sehr auf, wie nach Hause zu kommen und einen leeren Tisch vorzufinden. Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich nichts anderes tun als kochen.

Die untergehende Sonne fällt in mein Gesicht, während sie sich auf ihren Rückzug vom Horizont vorbereitet, und ein paar Schweißtropfen laufen meine Stirn hinab. Ich höre die Schreie der Männer, die im Hof Basketball spielen. Plötzlich verkrampft sich mein Körper. Meine Haut prickelt. Und ohne ihn zu sehen, weiß ich irgendwie, dass Street da ist. Wie zur Bestätigung meiner Vermutung ruft jemand seinen Namen, und ich bleibe stehen und drehe mich um.

Street dribbelt einen Basketball einen betonierten Hof entlang und bahnt sich seinen Weg an seinen Gegnern vorbei.

Die Insassen tragen für gewöhnlich zu jeder Zeit ihre Gefängniskleidung, doch aus irgendeinem Grund erlaubt ihnen das Gefängnis, Sportklamotten im Hof zu tragen und in Shirts oder mit freiem Oberkörper zu spielen, wenn sie Basketball spielen oder trainieren.

Street zeigt eine Menge Haut. Er ist groß; das wusste ich schon immer, doch ohne sein Shirt sieht er irgendwie noch größer aus.

Seine Bauchmuskeln sind fest angespannt, als er sich nach unten beugt und unter dem Arm eines Abwehrspielers durchschlüpft. Schnell gewinnt er seinen Halt zurück, findet sein Gleichgewicht, wirft den Ball in den Korb und erzielt mit Leichtigkeit einen Dreier.

Triumphierend klatscht er einen Mitspieler ab, während sie jubeln, und sie vollführen einen Chest Bump.

Männer.

Er stemmt die Hände in die Hüften und presst seine Finger an seinen Körper, wo der Bund seiner schwarzen Basketballshorts mit seiner gebräunten Haut verschmilzt. Eine Spinne beginnt, an der Wölbung seiner rechten Schulter ihr Netz zu spinnen, das sich in Form eines aschgrauen Tattoos den ganzen Weg bis zu seinem Ellbogen spannt. Auf seiner linken Schulter droht ein Tiger, mit den gleichen hellblauen Augen wie Street jeden Augenblick loszuspringen.

Seine Zähne graben sich in seine Lippe, und es sieht aus, als würde er eine Show abziehen. Aber er kann unmöglich wissen, dass ich zuschaue, oder? Er hat seine Aufmerksamkeit nicht einmal in diese Richtung gewandt, und das gibt mir Zeit, ihn zu beobachten. Er hat eine kräftige Kieferpartie, und obwohl ich sie gerade nicht sehen kann, hat er direkt unter seinem rechten Ohr eine lange Narbe, wo irgendein linkshändiger Widersacher versucht hat, ihm im Kampf die Kehle durchzuschneiden.

Das ist passiert, bevor ich herkam. Soweit ich weiß, ist Street seit ungefähr einem Jahr hier und hat immer noch ein paar Jahre vor sich. Wenn er geht, wird die Narbe mit ihm gehen.

Falls er nicht sauber bleibt, wird ihn jemand anhand seiner Narbe identifizieren können.

Doch für mich wird sie immer ein Zeichen dafür sein, dass er viel mehr ist, als man auf den ersten Blick sieht.

Ein Wärter erwischte mich einmal dabei, wie ich Street anstarrte, und er nahm an, dass es an seiner Narbe lag. Fairerweise muss man sagen, dass ich wirklich seine Narbe anschaute.

Der Wärter erzählte mir, dass er sie sich bei einem Gefängnisaufstand zuzog, als eine Gang auf eine andere losging.

„Street ist einer der wenigen Gefangenen, die nicht in einer Gang sind“, sagte er, und ich konnte die Bewunderung in seiner Stimme hören.

„Er ist also einfach zwischen die Fronten geraten?“, fragte ich, unfähig, meine verdammte Neugier zu unterdrücken.

„Nein. Er ist einfach dazwischen gegangen.“

„Oh“, sagte ich schwach.

„Hat einen Neuling gerettet. Einen Jungen, der vergewaltigt werden sollte.“

„Oh“, sagte ich noch einmal, diesmal mit kräftigerer Stimme. „Das ist … nett.“ Ich wusste, dass das ein ziemlich dürftiger Kommentar war, doch wenn es stimmte, war es tatsächlich verdammt nett. Selbst, wenn er ein Mann war, der im Gefängnis saß, weil er offensichtlich Fehler gemacht hatte. Er hatte buchstäblich seinen Hals dafür hingehalten, jemand anderen zu retten.

Nach Aussage von Mary, die die Geschichte von einem anderen Wärter gehört hatte, sitzt Street für einen Einbruch im Gefängnis, der schieflief. Offenbar überraschte der Hauseigentümer ihn. Jemand zog eine Waffe. Der Eigentümer wurde angeschossen, überlebte jedoch.

Den Gerüchten zufolge hat Street sein Schicksal hingenommen und niemals versucht, den schmutzigen Kampf zu kämpfen und seine Unschuld vorzutäuschen. Das macht seine Taten nicht ungeschehen, doch wenn ich jetzt seine Narbe sehe, erinnert sie mich an ein Buch, das ich einst las. Es handelt von einem jungen Odysseus, der sich seinem Großvater und einigen seiner Onkel zu einem Jagdausflug auf den bewaldeten Hängen des Parnass anschloss. Odysseus war der Jüngste der Gruppe, doch als die Männer und die Hunde einen riesigen Keiler entdeckten, war Odysseus der Erste, der sich dem Wildschwein mit seinem Speer stellte. Der Keiler wich dem Schlag aus und durchbohrte Odysseus‘ Knie. Von da an wurde Odysseus anhand seiner Narbe erkannt, doch sie symbolisierte außerdem sein Übergangsritual ins Mannesalter. Die Narbe half Odysseus, zum Mann zu werden, und kennzeichnete ihn als solchen.

So sehe ich Streets Narbe ebenfalls. Unabhängig von den Sünden seiner Vergangenheit wird die Narbe für immer ein Zeichen seiner Tapferkeit sein.

Herrgott, Katie, du bist eine Närrin.

Ich habe die Narbe romantisch verklärt, Street verklärt. Abgesehen von ein paar willkürlichen Informationen weiß ich wirklich gar nichts über ihn. Das meiste, was ich weiß, beschränkt sich auf das, was ich sehe. Ja, mir gefällt wirklich, was ich sehe, doch was sagt es über mich aus, dass ich mich aus den oberflächlichsten Beweggründen zu so einem Mann hingezogen fühle?

Seine Augen.

Seine Bauchmuskeln.

Dieser Bizeps und das besonders schöne Lächeln.

Seine Lippen, und habe ich schon seine Augen erwähnt?

Vielleicht ist es der Hauch von Gefahr, obwohl ich mich relativ sicher fühlen kann. Er darf mich nicht berühren, doch was, wenn er es könnte? Was, wenn ich ihn nicht aufhalten könnte? Der Gedanke spornt mein Verlangen an, doch nicht nur nach körperlicher Befreiung, sondern nach einem Abenteuer, um meinem alltäglichen Leben zu entfliehen.

Sein Kopf bewegt sich in meine Richtung, und das Feuer, das in seinen Augen brennt, sagt mir, dass ich entdeckt wurde. Ich wurde erwischt. Ich schlucke den Kloß in meinem Hals runter, während ich versuche, mich wegzudrehen, doch ich sehne mich danach, nur einen kurzen Augenblick lang den Augenkontakt zu halten.

Er beißt sich wieder auf die Lippe, und diesmal tut er es absichtlich. Er winkt mir zu, lässt mich wissen, dass er mich entdeckt hat. Und ich weiß jetzt, sicherer als je zuvor, dass er die gleichen Gedanken über mich hat wie ich über ihn.

Manchmal zieht sich diese Qual bis in die späten Nachtstunden hinein, wenn ich daliege und mich nach mehr sehne, während mein Freund friedlich neben mir schläft. Manchmal ist meine einzige Möglichkeit, alles auszublenden und die Augen zu schließen, mir vorzustellen, wie er auf mir liegt.

Ich stelle mir vor, dass er in mir ist.

Ich verbanne die Vorstellung aus meinem Kopf, gehe abermals den Pfad entlang und kämpfe gegen das Bedürfnis an, mich umzudrehen, um noch einen letzten Blick zu erhaschen.

 

* * *

 

Ich werfe meine Handtasche über die Schulter und lasse meine Schlüssel in meiner Hand baumeln. Ich lächle Ken an, den Gefängniswärter hinter dem Schalter, als ich zum Eingang schlendere; es ist einer von nur zwei Wegen, die aus dem Gefängnis führen.

Doch etwas erregt meine Aufmerksamkeit – hinter dem Schalter und hinter Ken drückt eine unbekannte Wärterin mit einem ernsten, aufmerksamen Gesichtsausdruck ein Telefon an ihr Ohr. Ihr Blick wandert, und mit einem amüsierten, aber derben Grinsen legt sie auf.

„Verdammte Tiere“, sagt sie und schüttelt erneut den Kopf.

„Was ist jetzt wieder passiert?“, fragt Ken, ohne sich von seinem Notizblock abzuwenden.

„Es gab einen Vorfall im Hof.“

„Lass mich raten“, knurrt er und dreht sich zu ihr um. „Jemand hat eine dicke Lippe riskiert, und ein anderer hat zugeschlagen.“

„Knapp vorbei ist auch daneben.“ Sie nimmt einen Kugelschreiber aus ihrer Tasche und drückt ihn, um sich ein paar eigene Notizen zu machen. „Ein Gefangener hat einen anderen Gefangenen mit einem Knastmesser niedergestochen.“

„Herrgott. Konntest du mit den Namen etwas anfangen?“

„Der Name des Opfers kam mir nicht bekannt vor, aber der Angreifer war Thomas Street.“

„Verdammt“, seufzt Ken. „Ich dachte, das wäre einer von den Guten.“

„Das sind Tiere“, sagt sie, und mir wird ganz flau im Magen. „Die sind nur solange gut, bis sie es nicht mehr sind.“

Ich schlucke den Kloß runter, den ich im Hals habe, und fahre mir mit der Zunge über die Lippen. Bevor sie bemerken, dass ich ihre Unterhaltung belauscht habe, bin ich zur Tür hinaus.

Ich habe es ja schon immer gewusst – ich habe den absolut schlechtesten Männergeschmack.

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