Harte Fälle für Toughe Anwälte Auszug

Rose

 

Das Gefängnis ist ruhiger, als ich es mir vorgestellt hatte. Im Fernsehen ist es chaotisch und laut und voller großmäuliger Insassen und Wärter, die einander anschreien.

Ich habe hier noch niemanden schreien hören. Es war still, abgesehen vom gelegentlichen Klappern der Zellentüren oder Klirren der Gitter, die von einem Block zum anderen führten, wenn die Wärter ihre Runde machten. Die Wärter waren ruhig und respektvoll. Ab und an sagt eine meiner Zellengenossinnen etwas, doch meistens ist es gemurmelt oder mit zitternder Stimme, an der man genau erkennen kann, dass sie versucht, nicht zu weinen. Oft steht das im Widerspruch zur harten äußeren Schale. Bisher war ich mit einem Bandenmitglied, einer Prostituierten, einer Obdachlosen und einer Frau eingesperrt gewesen, die betrunken Auto gefahren war. Unsere orangefarbenen Overalls und die schäbige Umgebung sind nicht das einzige, was uns verbindet. Wir warten alle.

Warten darauf, was als nächstes passiert.

Im Augenblick weiß ich nicht, was mich erwartet. Wie auch? Ich bin Grundschullehrerin. Eine, die ihre Highschool-Liebe geheiratet hat. Die Liebe meines Lebens.

Ich habe ein Märchen gelebt, und auch, wenn ich nicht sagen kann, dass ich mir der Dunkelheit in meinem Leben nicht bewusst gewesen war, war ich zumindest von ihr isoliert gewesen.

Bis der Märchenprinz versuchte, mich umzubringen.

 

* * *

 

Josh war mein erster Freund gewesen. Ich kann mich noch an den Tag erinnern, an dem wir uns zum ersten Mal begegnet sind, damals, auf der Highschool am Fototag. Ich war gerade in die neunte Klasse gekommen, er war in der elften gewesen. Er hatte mit ein paar Kumpels in der Schulkantine rumgestanden, als ich reinkam. Es war ein kühler Morgen gewesen, darum trug ich eine dünne Jacke über meinem kurzärmeligen T-Shirt. Der Fotograf bat mich, die Jacke auszuziehen, darum stand ich da und sah mich hilflos nach einem Platz um, wo ich sie hinlegen konnte. In dem Augenblick pfiff der Typ, der vor der Bühne gestanden hatte, und kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu. Er hatte kurze, zerzauste blonde Haare und eine feste, selbstbewusste Stimme. „Ich kann sie für dich halten“, bot er an, und als er nach der Jacke griff, sah ich, wie definiert die Muskeln an seinen Armen waren.

Er sah nicht aus wie die anderen Jungs, die mit meiner Klasse herumstanden. Verglichen mit ihnen sah er aus wie ein Mann. Während des Fotografierens wartete er mit meiner Jacke auf mich.

„Hi, ich bin Josh“, sagte er.

„Rose.“ Ich wurde rot, als ich ihm meine Jacke wieder abnahm. „Danke, dass du sie für mich gehalten hast.“

„Kein Problem. Hey, ich hab den Jungs versprochen, sie heute heimzufahren. Magst du mitkommen?“

Von diesem Augenblick an waren wir unzertrennlich und blieben durch die ganze Highschool hindurch ein Paar. Und auf der Uni. Haben uns kurz danach verlobt, hatten eine Traumhochzeit und eine fantastische Hochzeitsreise. Die ersten paar Jahre waren wir glücklich gewesen.

Bis alles den Bach runterging. Und zwar gehörig.

Vor etwas über einem Jahr fing er an, sich komisch zu verhalten. Er hatte angefangen, Abends lange wegzubleiben, und wenn er nach Hause kam, stank er nach Alkohol und Rauch. Er wurde launisch und nervös. Mein erster Gedanke war, dass er auf Drogen war, doch das konnte nicht sein. Josh war nicht so.

Doch andererseits war es genauso untypisch für ihn, die ganze Nacht lang wegzubleiben und sich wie ein paranoider Junkie zu verhalten.

Und dass eine Menge Geld von unseren Konten verschwand, war auch verdächtig.

Eines Nachts kam er nach Hause, zitternd und keuchend, als wäre er von jemandem davongelaufen. Und er hatte eine Waffe.

„Was um Himmels Willen ist das?“, fragte ich ihn.

„Eine verdammte Pistole, Rose. Was glaubst du?“

Seine barsche Reaktion hatte mich erschreckt. Bis zu diesem Moment hatte er immer freundlich und respektvoll mit mir gesprochen, selbst wenn ich ihm wegen seines unberechenbaren Verhaltens Fragen gestellt hatte.

„Ich weiß, dass das eine Pistole ist, Josh. Aber warum hast du eine Pistole in unserem Haus?“ Ich hatte leise und langsam mit ihm gesprochen und aus dem endlosen Geduldsvorrat geschöpft, den ich für meine Grundschüler brauchte.

Immer noch zitternd hatte er mich mit wilden, geröteten Augen angesehen. „Ich lasse nicht zu, dass sie dir etwas antun, Rose. Wenn sie was von mir wollen, okay, aber dich kriegen sie nicht.“

„Wer? Wer kriegt mich nicht?“

Doch er hatte nicht geantwortet. Ich hatte versucht, zu ihm zu stehen. Ich hatte ihn angefleht, mit mir zu einer Therapeutin zu gehen. Doch es hatte nichts genutzt. Er hatte sich verändert. Ich hatte mich verändert. Ich wurde wütend. Stellte immer mehr Fragen.

Fragen, die ihm nicht gefielen.

Als er mich das erste Mal schlug, war für mich unsere Ehe beendet. Ich hatte meine Grenze der Belastbarkeit erreicht. Ich konnte nicht mehr ertragen.

Die nächsten Schritte, die ich unternahm, um die Trennung einzureichen und ihn aus dem Haus zu bekommen, passierten schnell.

Eines Nachts dann hörte ich ihn am Fenster. Mit der Waffe, die er in der Hand hielt, klopfte er an die Scheibe. In der nächsten Nacht flehte er mich an, ihm dafür zu vergeben, dass er mich geschlagen hatte. Und in der darauffolgenden Nacht eskortierte ihn die Polizei aus dem Haus.

Er kam zurück. Immer wieder. Darum beantragte ich eine einstweilige Verfügung.

Ich wusste nicht, wer oder was er glaubte, könnte mich „kriegen“, doch ich hatte mehr Angst vor ihm als vor irgendeinem unsichtbaren Boogeyman.

Eine Weile lang kam er nicht mehr vorbei, doch er rief weiter an.

„Rose, lass nicht zu, dass sie dich kriegen. Sie werden dich kriegen. Lass mich dich beschützen.“

Als ich aufhörte, ans Telefon zu gehen, fing er an, Nachrichten zu hinterlassen.

„Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn dir etwas zustieße. Ich kann dich nicht verlieren.“

Irgendwann wich die verzweifelte Paranoia in seiner Stimme etwas Dunklerem.

„Ich kann nicht ohne dich leben. Ich fürchte, dass etwas Schreckliches passieren wird.“

„Dich zu beschützen, ist alles, wofür ich lebe.“

Während der letzten paar Anrufe war seine Stimme geradezu unheimlich ruhig geworden.

Ein paarmal glaubte ich, ihn in unserer Straße oder in der Nähe der Schule gesehen zu haben. Jedoch immer nur kurz. Wenn, dann nahm ich ihn aus dem Augenwinkel wahr, doch wenn ich mich umdrehte, um nachzusehen, war er weg.

Als ich die einstweilige Verfügung erwirkt hatte, hatte ich die Schlösser ausgewechselt, und irgendwann kaufte ich mir eine Waffe und lernte, damit umzugehen, weil ich Angst davor hatte, was er womöglich tun könnte.

Ich gab sogar meinen Job auf. Verließ meine geliebten Kinder, weil ich Angst hatte, sie könnten ins Kreuzfeuer geraten.

Ich hätte mehr tun sollen.

Ich hätte verschwinden sollen. Irgendwo hinziehen, wo er mich nie hätte finden können.

Die neuen Schlösser hielten ihn nicht lange davon ab, ins Haus einzudringen. Genauso wenig wie die Scheidung, die ich eingereicht hatte. Oder die einstweilige Verfügung.

Ich schätze, dass all das nur das Unvermeidliche hinausgezögert hat.

Sechs Monate, nachdem ich ihn rausgeschmissen hatte, kam er spät eines Nachts in mein Haus gestürmt, das einmal unser Haus gewesen war. Ich war gerade ins Bett gegangen, da hörte ich, wie er die Tür eintrat.

„Rose“, hatte er mit panischer Stimme geschrien. „Rose, wo bist du?“

Ich nahm die Pistole aus meinem Nachttisch, und plötzlich kam sie mir gar nicht mehr schwer vor. Angst packte mich, und die Waffe verlor ihr bedrohliches Gewicht und wurde Teil meiner Hand.

In diesem Moment hätte ich die Polizei rufen sollen, doch das tat ich nicht. Ich weiß auch nicht, warum. Stattdessen ging ich zur Schlafzimmertür und hielt die Waffe hinter meinem Rücken versteckt.

„Rose“, rief er erleichtert vom Flur aus. „Du bist okay.“ Er kam ins Schlafzimmer gerannt und stieß mich von der Tür weg, stieß sie zu und verriegelte sie. Dann schob er den Nachttisch davor und stammelte unglaublich schnell vor sich hin. „Ich lasse nicht zu, dass sie dich kriegen, Rose. Tut mir so leid, dass ich das tun muss, doch ich weiß nicht, wie ich uns sonst beschützen sollte. Sie werden dich nicht kriegen.“

Er hob seine Pistole und richtete sie auf mein Gesicht. Die Mündung schwankte vor meinen Augen hin und her, während seine Hände unkontrollierbar zitterten.

„Tu’s nicht“, flüsterte ich. „Bitte tu’s nicht, Josh.“

„Ich muss. Ich muss es tun, Rose. Es gibt keinen anderen Weg.“

Angst. Traurigkeit. Drogen. Ich weiß nicht, was ihn gepackt hatte, die ehemalige Liebe meines Lebens.

„Gib mir noch einen letzten Kuss“, hatte er plötzlich gesagt und sich vorgebeugt.

Sanft küsste er meine Lippen, und in diesem Augenblick wusste ich es.

Er würde es tun.

Er würde mich umbringen.

Es sei denn, ich verhinderte es.

 

* * *

 

„Carter“, sagte ein Wärter vor mir und riss mich zurück in die Gegenwart. Das ist mein Nachname. Carter.

Joshs Nachname.

„Sie haben einen Besucher.“

„Wer ist es?“

„Ihr Anwalt.“

„Ich habe keinen Anwalt.“

„Jetzt schon.“

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