Harte Entscheidungen, Sanfte Liebe Auszug

Axel

 

Nichts geht über eine mitternächtliche Fahrt, um meinen Verstand von den Bildern zu befreien, die mich verfolgen. Nichts geht über die verschwommenen Lichter der Stadt, die mir das Gefühl geben, ein Ziel vor Augen zu haben.

Seit über einem Jahrzehnt zähle ich bereits darauf, dass mein Bike mich zurück auf den Boden bringt, und es hat mich noch nie hängen lassen. Selbst jetzt, nachdem ich Abschied von der Marine genommen habe und mir jeder Sinn für Richtung oder Stabilität entzogen wurde, habe ich einen klaren Kopf. Mein Herz ist zwar nicht unbeschwert, doch wesentlich weniger belastet.

Ich weiß, dass sich das ändern wird, sobald ich wieder festen Boden unter meinen Füßen habe. Doch in diesem Moment genieße ich einfach nur den Rausch, der mit dem uneingeschränkten Gefühl der Freiheit einhergeht.

Mein Frontscheinwerfer beleuchtet die Asphaltdecke, zwischen meinen Beinen die beschleunigende Maschine, die aufgeregt dröhnt, weil wir den Weg nach Hause gefunden haben. Schließlich komme ich fast zum Stillstand, als die Räder unter mir auf den Kiesparkplatz krachen.

Meine Augen wandern zur ‚Nailed Garage‘. Nach all den Jahren immer noch dieselbe, doch mitten in der Nacht leer und verlassen. Weit entfernt von den turmhohen Wolkenkratzern der Stadt, ist das Gebäude vom gespenstisch weißen Mondlicht verhüllt. Ich könnte schwören, in der Ferne das Heulen eines Wolfes zu hören. Doch ich weiß, dass ich nicht ganz verrückt bin.

Und doch höre ich die Schreie in meinen Erinnerungen, die mich plötzlich umgeben.

Ich erinnere mich genau an den Tag, an dem meine Freunde und ich die Werkstatt gekauft und zu unserem Eigentum gemacht haben. Wir waren Brüder aus unterschiedlichen Blutlinien, und dennoch verbunden auf eine Weise, die die meisten Menschen nie erfahren werden.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich mein erstes Haus gekauft habe. Nur mit Hilfe der Bruderschaft und unseren unermüdlichen Anstrengungen war ich überhaupt in der Lage gewesen, mein eigenes kleines Stück Himmel zu finanzieren.

Ein Stück vom Himmel, das sein Potenzial nie ganz ausleben konnte, bevor ich der Marine beigetreten bin.

Im Militär habe ich meine Aufgabe gefunden. Es war nie einfach, doch ich habe meinen Job mit Stolz verrichtet und mein Bestes gegeben. Und binnen eines Augenblicks war alles vorüber.

Jetzt bin ich zurück, und obwohl ein Teil von mir sich davor fürchtet, selbst zu sehen, wie sehr sich alles verändert hat, habe ich trotzdem Hoffnung. Mein Freund, Street, ist aus dem Knast raus und zurück in der relativen Sicherheit unserer Bruderschaft. Obwohl er angepisst war, als er erfuhr, was Slate, Jericho und Davis getan haben, um seine frühzeitige Entlassung zu gewährleisten, heißt es, er habe eine gute Frau gefunden. Genau das ist ein verdammt gutes Beispiel eines Neustarts und ich hoffe, meinen eigenen zu bekommen.

Ich komme mit einem Fuß auf dem Kies zum Stehen und bereite mich auf den Start vor. Für einen weiteren Moment blicke ich zur Werkstatt und fahre dann weiter. Ich verschwinde ich der dichten Nacht in Richtung eines Hauses, das sich trotz all meiner Träume und Erwartungen nie wie ein Zuhause angefühlt hat.

 

* * *

 

Niemand würde von einem Kerl wie mir erwarten, in einer Nachbarschaft wie West Hallifax ein Grundstück zu besitzen. Es ist nicht die wohlhabendste Gegend in dieser verdammten Stadt, doch es ist definitiv auch kein Slum.

Ich fahre an bekannten Gebäuden vorbei, die noch genauso aussehen wie vor drei Jahren, als ich sie zum letzten Mal gesehen habe. Dieselben neutralen Farben, dieselben perfekt angelegten Vorgärten. Es ist ein privates Utopia im Randgebiet einer ausladenden Stadt. Das denke ich zumindest, bis ich um die Ecke biege und einen schicken schwarzen Wagen in meiner Einfahrt sehe – einen verdammten Benz.

Sofort weiß ich, dass es King ist. Ich will umdrehen und die Hufe schwingen. Ich will rennen, wie immer, wenn ich mit meiner Vergangenheit konfrontiert werde. Doch ich kann es nicht. Ich werde es nicht. Hauptsächlich weil es nichts bringen würde. Aber auch, weil es das ist, was eine vernünftige Person machen würde – rennen –, und ich bin nicht vernünftig. Nicht mehr. Nachdem man den Scheiß gesehen hat, den ich gesehen habe, ist Vernunft wie Kaviar. Verdammt teuer. Und ich habe zu viele Rechnungen zu bezahlen, um mir eine Therapie leisten zu können. Ich rolle zum Bürgersteig und schalte den Motor aus, dann gehe ich auf den Wagen zu.

Mein Herz pumpt in meiner Brust, als sich die Wagentür öffnet. Ein Paar glänzender Schuhe landet auf dem Asphalt, dann steht King vor mir und glättet die Falten seines schwarzen Anzugs. Es ist weit nach Mitternacht, doch er trägt eine dunkle Sonnenbrille.

„Axel“, sagt er mit zuckrigem Enthusiasmus. „Ich habe gehört, dass du wieder in der Stadt bist.“

„Hast du?“ Ich drücke meine Zunge gegen das Innere meiner Wange, verärgert und wütend, dass er der erste Mensch ist, den ich bei meiner Heimkehr sehe. „Und das interessiert mich weshalb?“

Ein wissendes, bekanntes, breites Grinsen macht sich auf seinem Gesicht breit. „Jetzt aber. Begrüßt man so …“, er zieht seine Sonnenbrille herunter, „den King?“

„Nennst du dich noch immer so?“

„Das ist schließlich mein Name.“

„Nein.“ Ich schüttele den Kopf. „Dein Name ist Harvey Prince.“

Er schiebt meine Verachtung mit einem höflichen Lächeln zur Seite. „Für euch Jungs war ich immer King und werde es auch immer bleiben.“

„Schön. Was zum Teufel tust du hier, mein Junge?“

Sein freundlicher Gesichtsausdruck schwindet etwas. Er schnipst mit den Fingern und die drei anderen Türen seines schicken Benz öffnen sich. Heraus kommen drei Männer, groß und muskelbepackt. Sie kommen näher, bis ich umringt bin.

Als ich lache, runzelt King die Stirn.

„Ernsthaft?“, frage ich und zeige auf den nächsten der drei Handlanger. „Brauchst du schon Verstärkung, um mit mir zu reden? Du wirst weich in deinen alten Tagen, King.“

Sein Gesicht krümmt sich und seine Hände ballen sich zu Fäusten, doch als einer seiner Männer sich nach vorne bewegt, schüttelt er mit dem Kopf und der Typ bleibt an Ort und Stelle stehen. King neigt seinen Kopf und schmunzelt. „Ich hatte gehofft, die Marine würde deine Autoritätsprobleme zügeln, doch anscheinend ist dem nicht so. Jetzt, da du zurück bist, brauche ich dich für einen Job.“

Ich blinzele, als wäre der Kerl verrückt geworden, und ehrlich gesagt muss er seinen verdammten Verstand verloren haben, wenn er denkt, ich würde je wieder für ihn arbeiten. Ich bin kein dreizehnjähriger Waisenjunge mehr, der torkelt, nachdem er alles verloren hat. „Ich arbeite in der Werkstatt. Und ich bin zwar zurück, aber ich lebe mein Leben, wie ich es in den letzten zehn Jahren getan habe – außerhalb deiner Zuständigkeit, deines Griffs.“

Er lehnt sich nach vorne. „Vielleicht hast du noch nicht gehört, was ich für Street getan habe.“

„Oh, das habe ich. Und ich habe gehört, dass du Slate, Davis und Jericho zurück in deine Scheißwelt gezogen hast, doch du weißt vermutlich, dass ich mit dem Deal nichts zu tun hatte.“

„Richtig. Das heißt nicht, dass du meinem ‚Griff‘ entkommen bist, wie du es nennst. Denn du weißt genau wie ich, dass sich alles, worin deine Freunde verwickelt sind, automatisch auf dich ausdehnt. Und das wird immer deine Entscheidung sein, Axel. Nicht die von irgendjemand anderen.“

Mein Kiefer verkrampft sich, weil er recht hat. Kings Macht über mich war immer ein Ergebnis seiner Macht über uns fünf gewesen – Street, Slate, Jericho, David und mich. Ich verstehe, warum die anderen sich erneut in Kings Schuld begeben haben, um Street aus dem Knast zu holen. Beim Gedanken daran, dass mein Freund überhaupt im Gefängnis saß, ganz zu schweigen von seinem ursprünglichen Strafmaß von zehn Jahren, wird mir übel. Und dennoch: Wir haben so viel Zeit unseres Lebens damit verbracht, den Fingern von King zu entkommen. Wenn ich hier gewesen wäre, hätte ich versucht, einen anderen Weg zu finden. Doch wie Jericho mir eine Million Mal gesagt hatte, gab es keinen anderen Weg.

„Sag einfach, was du sagen musst, und dann geh.“

„Ich brauche einen Sittenwächter in einem meiner Clubs. Die Kunden und vielleicht sogar die Angestellten in der Sugar Bare scheinen nicht zu kapieren, dass die Mädchen sorgfältig behandelt werden sollen. Ich weiß dass du bei dieser Angelegenheit ganz besonders feinfühlig sein wirst.“

„Fick dich“, schnauze ich.

Das nimmt er nicht zu freundlich auf und schüttelt seinen Kopf langsam und geringschätzend. Er muss seinen Handlangern nicht einmal eine Anweisung geben, sie wissen, was von ihnen erwartet wird.

Doch sie kennen mich offensichtlich nicht.

Der Kerl zu meiner Rechten hebt seinen Arm, um mich zu packen, und innerhalb von Sekunden habe ich ihn zu Boden gebracht. Er grunzt vor Schmerz, als ich seinen Arm hinter seinem Rücken verdrehe und meinen Fuß auf seinen Nacken stelle.

„Nein“, blafft King zu seinen anderen Männern, um sie zurückzuhalten. Dann seufzt er. „Tut mir Leid, Axel. Manchmal sind meine Männer – zumindest diese Männer hier – ein bisschen zu eifrig, wenn es darum geht, mir zu dienen. Lass ihn aufstehen.“

Sag bitte, liegt mir auf der Zunge. Doch ich war drei Jahre weg. Ich habe keine Ahnung, wie weit King gehen würde, um seine Autorität gegenüber mir zu beweisen. Ich habe eine Knarre in der Tasche an meinem Bike, doch ich trage keine bei mir und ich weiß nicht, ob King oder seine Männer eine bei sich haben. Mit einem letzten Ruck lasse ich Kings Mann gehen.

Dieser kommt langsam auf die Füße.

„Natürlich liegt es ganz bei dir“, sagt King. „Wenn du kein Interesse hast, den Mädchen in der Sugar Bare zu helfen, dann mache ich mir vielleicht ganz umsonst Sorgen. Wenn du deine Meinung änderst, komm einfach vorbei. Der Manager, Walt, wird wissen, wer du bist.“ Er schiebt seine Sonnenbrille zurück ins Gesicht. Dann kriecht er zurück in seinen teuren Wagen, seine Gorillas im Schlepptau, die ihren Blick nicht von mir lassen, bis sie allesamt sicher hinter ihren getönten Scheiben verschwunden sind.

Ich sehe zu, wie die vier davonziehen. Dann erinnere ich mich daran, wie friedlich Stille wirklich sein kann, auch wenn tatsächliche Ruhe mir auch weiterhin ausweicht. So wie sie es mein ganzes Leben getan hat. King weiß das und er weiß auch, dass ich mich in seinem verdammten Club sehen lassen werde, und wenn es nur darum geht, zu sehen, was Sache ist.

Seit ich Thornbridge verlassen habe, rede ich mir ein, dass ich King nur jene Macht über mich geben werde, die ich ihm bereitwillig überlassen kann. Er hat mich ein weiteres Mal angesaugt. Wir wissen beide, warum er mit diesem bestimmten Auftrag zu mir gekommen ist. Ich bin der Beste für diesen Job, weil es mir nicht egal ist, wie Frauen im Allgemeinen und Frauen, die an der Stange arbeiten im Speziellen, behandelt werden. Wahrscheinlich interessiere ich mich zu sehr dafür. Es ist meine Achillesferse.

Aus diesem Grund werde ich niemals völlig frei sein, egal wie viele Meilen ich auf meinem Bike verbringe.

Meine Vergangenheit wird mich nicht loslassen. Diese Bürde trage ich für den Rest meines verdammten Lebens mit mir.

Und das ist genau das, was ich verdiene.

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