Ganz tief drin Auszug

Ruby O’Brien zückte kurz ihren Presseausweis am Wachhäuschen des Stadions, bevor sie auf den überfüllten Parkplatz der Savannah Bootleggers einbog. Sie fuhr in die für sie reservierte Parkbox, stellte den Motor aus, legte ihren Kopf aufs Lenkrad und lauschte den missmutigen Bootleggers Fans, die nach einer unerwarteten Niederlage zu ihren Autos zurückkehrten.

Kein Wunder, dass Alec schlechter Laune war.

Die Niederlage mitten in der Saison, die kürzliche Trennung von seiner Ex-Verlobten Colleen, die Tatsache, dass sein eigener Teamkollege ihn offenbar mit beidem aufzog … Da bekäme jeder schlechte Laune, aber leider spielten die Gründe für Alecs Stimmung im Moment überhaupt keine Rolle.

Er musste sich zusammenreißen.

Ja, er machte einiges durch, aber immerhin hatte er eine Wahl. Und als begehrter Tight End in der Welt des Profifootballs die Wahl zu haben, bedeutete alles.

Seine Wahl hatte ihn in letzter Zeit verändert. Der charmante, ganz seinem Beruf hingegebene Mann, den sie gekannt hatte, hatte sich zum Schlechten hin in einen Schatten seiner selbst verwandelt. Seit Wochen nun schon schwankte Alec zwischen seinem üblichen schelmischen, lockeren Ich und einem jähzornigen Hulk, der nichts als Ärger machte. Der Kerl gefährdete nicht nur sein eigenes Image, sondern das der gesamten Bootleggers-Franchise. Ganz zu schweigen von der Werbeagentur ihres Vaters, O’Brian PR. Noch ein Fehltritt auf Alecs Seite, und der Vertrag mit dem Team würde möglicherweise nicht verlängert werden.

Das durfte nicht passieren. Nicht unter ihrer Ägide.

Sie musste Tacheles mit ihm reden, und zwar jetzt.

Als Ruby sich auf den Weg zur Umkleide der Bootleggers machte, war sie vollständig auf ihre Aufgabe konzentriert. Sie zog den Saum ihres kurzen Rocks etwas hinunter. Sie war gerade bei einem Date gewesen, als ihr Vater sie mit seinem verzweifelten Anruf Alecs wegen gestört und dringend aufgefordert hatte, „dieses launenhafte Arschloch unter Kontrolle zu bringen!” Sie hatte keine Zeit mehr gehabt sich umzuziehen. Während sie also sonst gestärkte, geknöpfte Blusen und ein dunkles Kostüm zur Arbeit trug, hatte sie nun ein verführerisch knappes schwarzes Kleid und Riemchenstilettos an, und ihr Haar hing in feurigen Wellen herab. Nicht gerade wie sie bei einem Klienten auftauchen wollte, schon gar nicht bei Alec, dem Typen, für den sie schon seit Monaten schwärmte.

Vom ersten Moment ihrer Begegnung an hatte sie sich zu ihm hingezogen gefühlt, doch er war zwar freundlich gewesen, hatte sogar mit ihr geflirtet, aber er hatte nie angedeutet, dass das auf Gegenseitigkeit beruhte. Dann, vor zwei Monaten, als er mit seiner Cheerleader-Freundin Colleen Schluss gemacht hatte, hatte er mit ihr ausgehen wollen, mehrmals. Und was hatte sie getan? Sie hatte schließlich nachgegeben, trotz der Tatsache, dass sie niemals mit Klienten ausging, denn damit verstieße sie gegen ihre eigenen Regeln, ja, das, aber viel schlimmer: sie verstieße gegen die Geschäftsbedingungen ihres Vaters. Letztendlich hatte es nichts gemacht. Zu dem Date war es nie gekommen. Stattdessen brachten es sämtliche Medien am nächsten Tag – Alec und Colleen hatten sich verlobt und wollten Anfang Oktober heiraten.

Würde man sagen, dass ihr Herz brach, bevor es überhaupt einmal losgelassen worden war, wäre eine Untertreibung. Schnee von gestern, dachte Ruby. Diese schwache Ruby gab es nun nicht mehr, und sie war wieder die Frau, die sie immer gewesen war. Die professionelle Ruby. Die rücksichtslose Ruby. Ruby, die nie unvernünftig war und deren Herz sich nicht brechen ließ. Und auf geht’s

Als sie die Doppeltür aufstieß war es wie immer: laut, grell, chaotisch und penetrant nach Schweiß und Körperspray riechend. Ruby marschierte zwischen dem Rudel Spieler hindurch und behielt ihre imaginären Scheuklappen auf. Du siehst dir nicht die nackten Spieler an. Nicht hinsehen, nicht hinsehen, nicht hinsehen…

Einen Moment lang legte sich Stille über den Raum, dann folgten ein paar leise Pfiffe. Ein in die länge gezogenes „Verdammmmt.” Großartig. Sie hatten sie ins Visier genommen. Sie hätte sich doch etwas anderes anziehen sollen. Was soll’s. Dafür war es jetzt zu spät. Ihr Gang wurde etwas unsicherer, und Röte hatte sich auf ihre Wangen gelegt, kurz bevor die Pfiffe aufhörten.

„Hey, Red, wurde auch Zeit.” Martinez, der Wide Receiver der LSU, der nicht einmal eine einfache Strecke laufen konnte, um sein Leben zu retten, dafür aber den Ball mit seinem kleinen Finger fing, rief ihr von seinem Spind aus zu: „Uuuuh, LeBrun bekommt Ärger. Schaut mal wie angepisst sie ist. Autsch!”, heulte er.

Sie seufzte erleichtert, dass die Kerle sich nicht über ihr sexy Kleid lustig machten. Über Alec, schon, aber damit konnte sie leben. Sie sah in seine Richtung, bemühte sich, den Blick oben zu behalten, und winkte Martinez zu. „Sei froh, dass ich nicht deinetwegen hier bin”, sagte Ruby mit einem schelmischen Grinsen.

Mehrere Jungs lachten leise. Anscheinend waren sowohl der Quarterback Kyle Young, als auch der Wide Receiver Heath Dawson, Alecs beiden beste Freunde, ebenso abwesend wie Connors, der Spieler, mit dem Alec sich angelegt hatte. Waren sie mit ihm im Sanitätsraum? Ruby hatte Richard James, Connors’ Manager schon geschrieben und wollte ihn nach ihrem Gespräch mit Alec treffen. Und Young und Dawson? Die waren wahrscheinlich schon abgehauen, um ihre Freundinnen zu treffen. Beide Männer waren vor kurzem der Liebe ihres Lebens begegnet, und während sie im Unterschied zu Alec ihre Footballkarriere nicht darunter leiden ließen, sorgten sie dafür, dass die Frauen in ihrem Leben gleich viel Aufmerksamkeit bekamen.

„Wir haben dich beim Spiel heute Abend vermisst, Red. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass du auf der Tribüne bist, aber scheinbar hattest du was Besseres vor.” das kam von Plough, dem Linksaußen Lineman aus Ohio State, der seine Hände oben halten sollte, sonst würde er den Rest der Saison den Arsch versohlt bekommen. „Ich glaube, du hast recht, Martinez. Sie sieht nicht allzu glücklich aus. Umwerfend, aber nicht glücklich.”

„Hey, Red, warum kommst du eigentlich nie, um uns zu sehen? Immer nur LeBrun, LeBrun, LeBrun.” Das war Hewitt, der neue Quarterback, den die Bootleggers in der ersten Saison aus Stanford rekrutiert hatten. Beschränkter als ein Sack voll Ziegel, aber im Grunde ein netter Kerl, der Alec immer wunderbare Spirals zuwarf.

„Weil er der einzige ist, der eine Maßregelung nötig hat, meine Herren.” Ihre Gedanken drifteten etwas ab, als sie an die verschiedenen Möglichkeiten dachte, wie sie wünschte, Alec für sein Fehlverhalten maßregeln zu können. In einer anderen Welt, einem anderen Leben, in dem Publicity-Manager und Klienten einander zur Strafe nach dem Spiel flachlegten.

Schluss jetzt, Ruby. Reiß dich zusammen. Alec hat dich nur um eine Verabredung gebeten, weil er einen Lückenbüßer für Colleen brauchte, als sie sich Ende des Sommers zum ersten Mal getrennt haben. Sobald er die Gelegenheit hatte, sie zurückzubekommen, hatte er Ruby nicht schnell genug vergessen können. Verdammt, sie hatten hinterher nicht einmal darüber gesprochen, dass er sie um eine Verabredung gebeten und sie zugestimmt hatte – als sie ihn das nächste Mal gesehen hatte, hatte sie ihm einfach zu seiner Verlobung gratuliert. Und auch wenn er angespannt gewirkt hatte, als wollte er noch etwas sagen, hatte er letztendlich bloß „Danke dir, Ruby” gesagt und war verschwunden.

Es hatte weh getan. Wie Sau. Doch Ruby war groß darin, über solche Dinge hinwegzukommen, und das hatte sie getan. Kinn hoch und all das. Sie hätte ohnehin nie einem solchen Date zustimmen dürfen.

Vorbei am Johlen und Rufen, vorbei an dem Geglotze auf ihren Hintern (sie wusste, dass sie es taten, auch wenn sie ihre Augen stur geradeaus richteten), vorbei an den nicht so cleveren Witzeleien gelangte Ruby zum Sanitätsraum, wo sie durch den billigen, verbogenen Paravent einen Mann auf einem Untersuchungstisch erspähen konnte. Er hatte ihr den Rücken zugewandt, während der Teamarzt ihm einen Tupfer auf die Wange drückte. Diesen starken Rücken würde sie überall erkennen – die gewölbte Oberfläche seiner Muskeln, die Breite seiner Schultern, die Weite seiner Deltamuskeln, die Dicke seiner Arme, die sich niemals je um sie legen würden. Da war er – Alec LeBrun in seinem ganzen heißen schmutzigen Glanz.

Zeit, ihn in seine Schranken zu weisen.

Doch da wandte Dr. Kelstrom (den alle nur Dr. K nannten) sich von Alec ab und eröffnete ihr den Blick auf seine erschöpfte, auf den Tisch gekauerte Gestalt. So wie er beide Hände über Gesicht und Schultern strich, jede Linie seines Körpers niedergeschlagen, war ihr klar, dass sie nicht so herzlos sein konnte. Verflixt, der Typ brauchte Mitleid keine Standpauke, dachte sie.

Als er seinen Kopf ein wenig drehte, erhaschte sie einen Blick auf sein Profil und schnappte nach Luft. Nicht weil Alecs linkes Auge geschwollen und rings um die Bandage blutunterlaufen war, die etwas abdeckte, das sicherlich eine üble Platzwunde war. Nicht weil seine Unterlippe – was für ein schöner Mund – aufgeplatzt war.

Sondern weil sein gesamtes Sein Schmerz ausstrahlte.

Und der Widerhall begann ihre Brust einzuschnüren.

Trotz der Tatsache, dass Alec wahrscheinlich um Colleen trauerte – davon konnte man getrost ausgehen, wenn man das Timing ihrer Trennung und Alecs Verhalten in letzter Zeit bedachte – wünschte Ruby sich, sie hätte ihn trösten können. Nicht als seine Agentin, sondern als Frau. Einfach ihre Arme um ihn legen und ihm sagen, dass alles wieder gut wird.

Doch sie durfte ihren dummen Fantasien nicht nachgeben. Sie war hier, um Alecs Karriere zu unterstützen und sonst nichts. Sie konnte mit ihm sprechen, sich überlegen, was in seinem Kopf und seinem Herzen vor sich ging, doch nur, um damit ihren Job zu erledigen. Nach einem langen, tiefen Atemzug, drückte Ruby die Tür auf.

Alec richtete sich auf, seine Schultern versteiften sich. „Ist sie das?”, fragte er und warf einen Blick über die Schulter. Sein melodramatischer Tonfall verriet Ruby, dass, trotz des Schmerzes, den sie selbst vor wenigen Sekunden auf seinem Gesicht wahrgenommen hatte, er vorhatte, die Sache ganz cool abzutun.

Mögen die Spiele beginnen… 

Dr. K zwinkerte Ruby zu, dann wandte er sich zurück an Alec. „Sie ist es.”

„Sieht sie wütend aus?”

Ruby verschränkte die Arme.

Dr. K sah Ruby an, versuchte, ihren Ausdruck einzuschätzen. „Puh. Und wie!”

„Schlimmer als letzte Woche, als ich mit dem Cheerleader von den Eagles einen Freudensalsa in der Endzone aufgeführt habe und dafür einen Punkteabzug kassiert habe?”

Ruby verdrehte die Augen.

„Oh ja. Viel, viel schlimmer als da, Mr. LeBrun”, sagte Dr. K in ernstem Tonfall.

Der riesige Mann mit den Grübchen, der auf dem Behandlungstisch saß, erschauderte. „Schlimmer als vor zwei Wochen, als ich die Probefahrt mit dem Ferrari vor dem großen Spiel ein wenig zu sehr ausgedehnt habe?”

Ruby stieß ungeduldig den Atem aus. Das hatte sie ja fast vergessen. Der Kerl war bei einer Probefahrt nach Miami gefahren. Von Savannah aus. Georgia. Nach Miami!

Dr. K. nickte. „Allerdings. Ich würde sagen fünfhundertmal so schlimm wie da.” Der Arzt zog seine Handschuhe aus und warf sie in den Müll. Er warf auch die Verbandspackung weg und klopfte Alec auf die Schulter, dann gab er Ruby seinen gewohnten freundschaftlichen Kuss auf jede Wange. „Mach ihm die Hölle heiß”, flüsterte er.

Ruby kräuselte die Lippen zu einem Lächeln. „Sie wissen doch, dass ich das immer tue, Dr. K. Connors?”

„Wunden sind schon versorgt, und er bespricht sich im Moment mit seinem Agenten.”

„Sieht er so schlimm wie Alec hier aus?”

Dr. K verzog das Gesicht und zuckte die Schultern, das hieß, Connors sah besonders schlimm aus.

Na großartig.

Dr. K huschte aus dem Behandlungsraum. Sobald sie allein waren, ging Ruby zu Alec, ihre Absätze klackerten auf dem Linoleumboden. Sie ging um den Tisch herum, sodass sie schließlich ihrem angeschlagenen Ziel vis-à-vis gegenüber stand. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch sie erstarrte, als Alecs Augen sich weiteten, über sie wanderten und dann noch weiter wurden. „Verdammt, Mädel. Ich weiß, das hier bedeutet dir eine Menge, aber du hättest dich doch für mich nicht so auftakeln müssen.”

Sie presste die Lippen aufeinander. „Ich habe mich nicht für Sie herausgeputzt, Mr. LeBrun. Ich komme gerade von … woanders.” Sie verkniff sich die Wahrheit, da sie fürchtete, damit alle möglichen indiskreten Fragen heraufzubeschwören, und ehrlich gesagt ging ihn ihr Date überhaupt nichts an.

„Ein Date?” Er ließ dieses hübsche Lächeln sehen, das, das alle Damen um den Verstand brachte. Das, das heute Abend so überhaupt keine Wirkung auf sie hatte. Größtenteils. Na ja, ansatzweise. „Komm schon, mir kannst du es doch erzählen.”

Sie überhörte die Frage. „Könntest du mir vielleicht erklären, wie es zu einer Rauferei mit Connors kommen konnte? Du hast in zehn Minuten eine Pressekonferenz, und da wirst du etwas sagen müssen.”

„Du warst auf einem Date, stimmt’s?” Sein Lächeln wurde etwas schwächer. War er wütend, weil sie auf einem Date gewesen war? Denn dazu hätte er kein Recht, nachdem er eine Chance bei ihr gehabt und sie dann verpatzt hatte!

„Wenn ich deine Frage beantworte, wirst du dann auch meine beantworten?”

Seine Augen waren kaum noch zu sehen, so sehr strahlte er. „Mir hat schon immer deine Art gefallen, Abmachungen zu treffen, Red. Ja, das werde ich.”

„Na schön. Ja, ich hatte ein Date. Wohlgemerkt hatte. Doch jetzt bin ich hier. Und muss mich um ein großes Baby kümmern, das irgendwie immer wieder Ärger machen muss.”

„Von einem Baby weiß ich nichts”, sagte er und sprang von dem Tisch, schwebte über ihr mit seinen imposanten zwei Metern. „Aber der Teil mit dem „groß”, der stimmte.” Und wieder dieses Lächeln.

Ruby sah weg, biss sich auf die Unterlippe. Sie konnte ihn nicht direkt ansehen, vor allem nicht, wenn er halbnackt war, sein Unterkörper nur in ein Handtuch gehüllt. Sie wühlte in ihrer Aktentasche nach einem Block und einem Stift, vor allem, damit ihre Augen eine Ablenkung hatten. „Jetzt bist du dran, LeBrun. Spucks aus. Wie ist es zu dem Kampf gekommen? Darfst die Frau nicht lieben, die du gerne lieben würdest, und deswegen zettelst du gleich einen Krieg an – und jetzt sogar schon mit deinen eigenen Teamkollegen?”

Er blitzte sie finster an.

Autsch. Das ging vielleicht etwas unter die Gürtellinie, doch wenn er es ihr mit ihrem Date so schwierig hatte machen müssen, dann konnte sie das auch mit seiner Trennung tun.

„Hör zu, Red, ich weiß, die Sache war etwas … merkwürdig. Ich weiß, ich habe hier und da ein paar verrückte Dinge getan. Aber es tut mir nicht leid, dass ich Connors geschlagen habe. Der Scheißkerl hat es verdient.”

„Womit? Was hat er denn getan?”, fragte Ruby.

„Was gab’s zum Abendessen? Lobster? Filet Mignon?”

„Warum musst du nur so kompliziert sein?”

„Und warum musst du mich ausfragen?”, konterte Alec und lehnte sich an den Schrank direkt vor ihr.

Es war ihr unangenehm, ihn so in ihrer Nähe zu haben, deswegen ging sie beiseite und setzte sich auf einen Stuhl, tat so als hätte sie das ohnehin vorgehabt. „Weil es mein Job ist herauszufinden, warum du in der Öffentlichkeit ausrastest, Alec. Und jetzt beantworte meine Frage”, forderte sie.

Er fuhr sich mit den Händen durch die Haare, und sie fielen zur Seite. „Okay, tut mir leid.”

„Du siehst nicht aus als täte es dir leid. Du siehst so aus als wolltest du mir meinen Job so schwierig wie möglich machen. Ich weiß du bist wütend wegen der … Sache …mit Colleen. Aber das ist keine Art damit umzugehen.”

Als sie Colleens Namen erwähnte, wurde Alecs Ausdruck gleich leer. Sie starrten einander an. Und während die Sekunden verstrichen, fragte sie sich, ob sie gerade so eine Art Anfall erlitten hatte und sich die pure Lust und das beinahe unkontrollierbare Verlangen, das in seinen Augen aufblitzte, nur einbildete.

Trauerte er nun um seine geplatzte Verlobung oder nicht?

Als klar war, dass er nichts sagen würde, atmete Ruby ein und rollte endlich ihren Stuhl näher zu ihm. Er duftete frisch geduscht, nach Seife, Shampoo und einfach lecker. Gott steh mir bei. „Alec, jeder hat so seine Hochs und Tiefs, aber, dein gebrochenes Herz mal beiseite, diese öffentlichen Auftritte müssen ein Ende haben.”

Alecs Kiefermuskel verkrampfte sich. „Du weißt überhaupt nicht, wovon du redest.”

Sie hob eine Braue. „Tue ich nicht?”

„Nein. Du denkst, dass ja, aber du weißt nichts.”

„Gut, dann erzähl es mir. Du hast dich also nicht mit Connors angelegt, weil er dich wegen Colleen aufgezogen hat? Das ist nämlich das Gerücht, das mir zu Ohren gekommen ist.”

Alec schloss frustriert die Augen. „Ruby…”

Sie richtete ihren Rücken auf und klatschte in die Hände. „Okay, hör zu. Der wahre Grund ist unerheblich. Egal, was du gerade durchmachst – und es tut mir leid, dass du das tust, Alec, ganz ehrlich – wir müssen uns jetzt darauf konzentrieren, wie wir verhindern, dass deine Karriere implodiert. Das hat oberste Priorität. Verstanden?”

Alec starrte sie an als müsste er sich verkneifen, etwas zu sagen, dann veränderte er sich langsam, als die Anspannung seinen Körper verließ. Das charmante Lächeln tauchte wieder auf. Dieses große, breite Lächeln und diese perfekten weißen Zähne. Verdammt soll er sein. Verdammt. Er sah sie unter seinen langen Wimpern hervor an, unter denen, mit denen er umzugehen verstand wie ein Zauberer mit seinem Zauberstab.

Ruby, widerstehe!

„Hör zu, Red, ich wurde in einen kleinen Streit verwickelt, das ist alles. Mach da keine größere Sache draus. Fans lieben solchen Scheiß auch, das weißt du doch.”

„In der World Wrestling Federation vielleicht, aber nicht in der NFL.”

Dieses entwaffnende Grinsen breitete sich wieder auf seinem Gesicht aus. Er biss an, schüttelte dann jedoch den Kopf und unterdrückte ein leises Lachen. „Oh Mann!”

Ihr Blut begann zu kochen. „Das war’s also? Du meinst, du kannst alles mit deinem Charme lösen? Einfach das alte Lächeln aufsetzen, und alles ist verziehen?”

Alec rieb sich den Nacken. „Ein wenig Charme hat noch niemandem geschadet, Ma’am.”

Ruby runzelte die Stirn. „Sag nicht Ma’am zu mir, LeBrun.”

„Dann sag du nicht LeBrun zu mir.” Der vorwurfsvolle Blick, den er ihr zuwarf, hätte genauso gut ein saftiger Schlag auf den Hintern sein können. Ein grobes Packen ihrer Hände, ein Umdrehen ihres Körpers an die Wand, während er jede Wölbung ihres Körpers mit seinen massiven Sportlerhänden befühlte.

Ruby wischte sich eine Schweißperle von der Stirn.

Sie riss ihren Blick von ihm los und öffnete ihren Kugelschreiber. „Genug jetzt. Wir müssen uns auf die Presse vorbereiten. Wir müssen uns etwas zurechtlegen, weswegen du mit deinem eigenen Teamkollegen gekämpft hast.”

„Möchtest du hinterher zu Abend essen?”

Im Ernst?? Er bat sie mit ihm auszugehen, während sie in einer Krise steckten? Er wünschte sich wohl verzweifelt Aufmerksamkeit. Ignorieren! „Hab schon gegessen.” Sie ließ ihn abblitzen, entschlossen, das hier zu überstehen. „Wir wissen, dass sie als allererstes nach dem Streit mit Connors fragen werden. Es hat überhaupt keinen Zweck, um den heißen Brei herumzureden, das wird es nur in die Länge ziehen.”

„Wo habt ihr gegessen?”

„Bei Bertonis”, sagte sie rasch. „Okay, mit einem ,Es wird nicht wieder geschehen, das war nur ein einziger hitziger Moment’ ist es nicht getan, da das schon das dritte Mal in ebenso vielen Wochen war.”

„Mit Brotstangen und Salat? Mit wem warst du da?”

Ruby versuchte, sich darauf zu konzentrieren, wie ihr Stift sich über das Papier bewegte, auf die Worte, die kommen würden, nicht nur in der Zeitung, auch in Livemitschnitten im Frühstücksradio morgen früh. Sie widerstand der Versuchung, ihm in die Augen zu sehen. „Mit meinem Date. Kannst du dich bitte konzentrieren? Könntest du dich mal für zwei Minuten konzentrieren? Dein öffentliches Image steht auf dem Spiel, Alec.”

„Wer war es?”

„Bitte?”

„Mit wem bist du ausgegangen? Ich bin neugierig, mit welcher Sorte Mann du dich wohl triffst, wenn man bedenkt, wie ich hab ackern müssen, um ein Ja aus dir herauszubekommen.”

Sie knallte den Stift hinunter und starrte ihn wütend an. „Ah, ja, der Punkt ist nur, dass ich Ja gesagt habe. Und du dagegen hast es abgeblasen. Warum noch mal? Ach, ja, weil du dich am nächsten Tag verlobt hast.” Du hast mich für den nuttigsten aller Cheerleader wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Nett, Alec, wirklich nett. „Können wir jetzt das Thema wechseln?”

Verdammt, sie hatte sich ihm geöffnet. Man merkte ihr ihre Verbitterung an, und jetzt konnte er mit Leichtigkeit sehen, wie sie das angepisst hatte. Er stand auf und griff nach ihr. „Ruby –”

„Nein!” Sie wich zurück.

„Ich kann das erklären.”

Der richtige Zeitpunkt dafür ist lange verstrichen, hätte sie beinahe gesagt. „Da gibt es nichts zu erklären. Es hätte nie passieren dürfen. Du bist mein Klient. Ich bin deine Agentin. Eine, die gerade Gefahr läuft, ihren Job zu verlieren, denn mein Vater hat den Eindruck, dass ich mit einem heißen Eisen wie dir nicht klar komme.”

„Hat er das gesagt?” Für eine Sekunde tauchte so etwas wie Bedauern in Alecs Gesicht auf. Beinahe wie echte Reue für die vielen Dummheiten. „Es tut mir so leid. Ich habe mich wie ein Arsch benommen, das weiß ich. Aber ich werde den ganzen Dreck wieder hinkriegen, das verspreche ich.”

„Das musst du.” Sie starrte ihn an und ließ das auf sich wirken. „Denn wenn nicht, dann bin ich arbeitslos, du könntest deinen Vertrag für das nächste Jahr verlieren und die Firma meines Vaters den ihren. Das hier ist kein Scherz. Es ist an der Zeit, mit dem Scheiß aufzuhören. Ist das klar … Mr. LeBrun?”

Wenn ihn das nicht erreichte, dann könnte nichts das schaffen.

„Ja, ist klar.” Er verschränkte die Arme vor der Brust, wodurch seine Arme noch kräftiger wirkten, und, heilige Scheiße, selbst auf seinen Venen waren Venen.

„Gut.” Sie zwang sich, auf ihre Notizen hinabzuschauen, obwohl alles auf dem Zettel für sie nur verschwommen zu sehen war. „Also, zu dieser Pressekonferenz … du und Connors, ihr müsst einmütig da auftauchen. Zeig Reue, schüttle Hände und all das. Dann sehen die Reporter, dass es nur eine kleine Meinungsverschiedenheit war. Ich muss noch Connors’ Agenten finden und sicherstellen, dass Connors mitmacht.”

Sie machte großes Aufhebens darum, ihre Sachen zusammen zu sammeln, einzupacken und so zu tun, als machte es ihr nichts, dass er sie mit diesem nicht zu interpretierenden Ausdruck im Gesicht anstarrte. Doch es machte ihr was, und in ihrer Brust flatterte etwas, das sie nicht erklären konnte. Warum nur – wenn Ruby doch definitiv wusste, dass Alec nicht gut für sie war – reagierte ihr Körper genau gegensätzlich zu ihrem Gehirn?

Alec beugte sich vor zu ihr. Sie konnte seine Herzensgüte aus einer Meile Entfernung riechen. Ihr Hirn zauberte Bilder hervor, wie er seine Arme um sie legte, wie ihre Hände über diesen stromlinienförmigen umwerfenden Rücken strichen, ihre Fingerspitzen über seine Muskeln hüpften. Bei seinem Duft wurde ihr ganz schwindelig, und sie presste ihre Schenkel vor schmerzhaftem Verlangen zusammen.

Er ergriff ihre Hand, die, die damit beschäftigt war, ihre Tasche mit dem Reißverschluss zu verschließen, bevor der große böse Wolf ihr ihre Süßigkeiten aus dem Korb klauen konnte. „Hast du viel gelacht?”

Sie zog ihre Hand aus seiner. „Was meinst du?”

„Bei deinem Date. Hast du gelacht, gelächelt, hat er sich wunderbar gefühlt, oder hast du ihn auch in die Mangel genommen, wie mich eben?”

„Mir reicht’s.” Ruby stand so abrupt auf, dass der Stuhl sich drehend von ihr wegrollte und krachend gegen die Wand schlug.

„Mir hat es nämlich schon irgendwie gefallen, Ruby. Das muss ich schon zugeben. Das war heiß.”

„Du bist unmöglich.” Sie riss ihre Notizen vom Block und drückte sie ihm an die Brust. Sie ließ nicht zu, dass sie die Brustmuskeln unter ihrer Handfläche spürte. Stattdessen ging sie. „Halt dich an das Skript. Und trag bitte den Anzug, den ich dir bestellt habe. Den, in dem du wie ein verantwortungsbewusster Mann aussiehst und nicht wie ein Kind, das sich nur allzu gerne auf dem Spielplatz rauft.”

Als sie seinen Gesichtsausdruck sah, fühlte sie sich beinahe schlecht, weil sie das gesagt hatte. Doch dann erinnerte sie sich an ihr Date. Auch wenn es so langweilig gewesen war, dass es sie fast um den Verstand gebracht hätte, und sie fast froh gewesen war, dass ihr Vater angerufen und ihr damit eine Ausrede gegeben hatte, frühzeitig abzuhauen, war es immer noch Alecs Schuld, dass sie mal wieder ihre Freizeit hatte drangeben müssen, um sich um diese Angelegenheit zu kümmern. Was das anging, hätte er sich entschuldigen müssen.

Doch diese muskulösen Schenkel, die trainierten Bauchmuskeln und die breiten Schultern hatten nicht die geringste Absicht sich zu entschuldigen. „Pass auf, Red. Ich hatte einen harten Tag. Nenn mich noch einmal Kind und…”

„Und was?”

„Das möchtest du nicht wissen”, erwiderte er. „Ich weiß, dass du mich ein wenig verarschen musst wegen der Sache, die ich gemacht habe, aber ich warne dich, du übertreibst es gerade mit dieser Mamaschimpftour. Ich habe gesagt, dass ich alles gerade biegen werde. Versprochen ist versprochen.”

„Stimmt das auch?”

„Ja, das stimmt. Vielleicht sehe ich so aus als wäre mir alles scheißegal, aber wenn ich etwas verspreche, dann halte ich mich auch daran.” Sie sah seinen Augen an, dass er es todernst meinte. Und doch, sie hatte es einfach schon zu oft gehört.

Ruby schnaubte. „Das hast du beim letzten Mal auch schon gesagt, Alec. Von dir kommen immer nur leere Worte, keine Handlung. Ich seh dich dann da draußen.” An der Tür wandte sie sich um, ganz zufrieden damit, wie sie mit der Unterhaltung fertig geworden war. Standhaft, nicht zu schwach, resolut. Gute Arbeit, lobte sie sich selbst.

Doch etwas hatte sie wohl gesagt, das etwas in ihm ausgelöst hatte.

„Ach, äh, Ruby…”, sagte er gedehnt mit eindeutig warnendem Unterton.

Sie verlangsamte ihren Schritt, um sich umzudrehen und zu sehen, ob sein Gesicht etwas verriet.

„Ich bin immer fürs Handeln, Ruby. Nun kennen wir uns schon so lange, und du hast immer noch nicht die leiseste Ahnung, wer ich eigentlich bin. Das sollten wir ändern, meinst du nicht?” Und dann tat er etwas Unvorstellbares. Er ließ das Handtuch fallen und entblößte den ganzen Alec LeBrun und kam direkt auf sie zu.

Seine Haut glänzte.

Seine Muskeln zuckten.

Sein bestes Stück begrüßte sie. Und schwoll.

Und hüpfte.

Nein, ein Kind war er nicht. HEILIGE. SCHEISSE.

Er blieb stehen, die Hände in die Hüfte gestemmt, ließ sie sich sattsehen, bevor er an ihr vorbeirauschte und den Sanitätsraum verließ.

Ruby schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und versuchte zu atmen. Ein einziger Atemzug wäre schon gut. Sauerstoff war ihr Freund. Doch sie konnte nicht sprechen, konnte nicht das letzte Wort haben. Verdammter Alec. Er wusste, welchen Effekt seine Einlage auf sie hatte, schon allein deshalb, weil er sie dabei erwischte, wie sie sich umdrehte und auf seinen Hintern starrte, als er den Flur entlang ging.

Sein Grinsen war nicht mehr das eines Klugscheißers, es war anzüglich.

Damit stand es 6 : 0 für Alec LeBrun.

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